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Fr., 04. August 2017, 09:46 Uhr
Lampertheim ist keine Insel der Glückseligen
2. Armuts- und Sozialkonferenz brachte Austausch, Information und Besorgnis
Robert Lenhardt (Mitte) berichtete von der 2. Armuts- und Sozialkonferenz. Im Bild: Jens Klingler (vorne) und Bernd Ranko. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Die 2. Armuts- und Sozialkonferenz am 11. Mai mit Vertretern mehrerer Institutionen und Organisationen hat Politik und Verwaltung mit Zahlen und Fakten versorgt, die in dieser kompakten und umfassenden Form vorher nicht verfügbar waren. Beim Pressegespräch am Donnerstagnachmittag im Stadthaus erläuterte Robert Lenhardt, Vorsitzender der Armuts- und Sozialkonferenz und des Sozialausschusses die Ergebnisse. Die Erkenntnis: Armut ist vielfältig und nimmt in Lampertheim zu. Knackpunkt ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, dazu hohe Energiekosten, nicht ausreichende Kinderbetreuung für Grundschüler, die soziale Isolation bei älteren Mitbürgern und mehr finanzielle wie personelle Unterstützung der Tafel. Die zunehmende Armut sei „erschreckend“ und „Besorgnis erregend“. Erschreckend sei beispielsweise, dass eine hohe Zahl von Rentnern über die Grundsicherung aufstocken müsse. Ebenfalls erschreckend trotz Rückgang seit 2014 sei die Zahl der Bedarfsgemeinschaften mit 460 Singles und 170 Alleinerziehenden, die beim Jobcenter Bürstadt im April gemeldet waren. Horst Schmitt vom Fachbereich Soziale Sicherung habe die aktuellen Zahlen zur Grundsicherung im Alter und wegen Erwerbsunfähigkeit zusammengetragen. Bei der AWO-Schuldnerberatung sind die Lampertheimer Schuldner seit 15 Jahren auf Platz 2, nach den überschuldeten Viernheimern. Wie Peter Kellermann von der AWO-Schuldnerberatung zeigten sich auch die Teilnehmer am Pressegespräch überzeugt, dass sich die massiven Probleme durch steigende Miet- und Energiekosten in den nächsten Jahren verstärken werden. Entschuldungsverfahren könnten bis zu zehn Jahren dauern. Jeder zehnte Volljährige in der Region könne als überschuldet gelten. Die Politik will Wege aus dieser Misere finden, manches hätten die Stadtverordneten in Lampertheim bereits auf den Weg gebracht, waren sich die Vertreter der Fraktionen von SPD, FDP und CDU einig. SPD-Fraktionsvorsitzender Marius Schmitt nannte die Beschlüsse zum Bau von Sozialwohnungen, Ankauf von Belegungsrechten und die Quote von fünf Prozent der Nettobaufläche für den sozialen Wohnungsbau bei Neubaugebieten wie im Gleisdreieck vorzuschreiben. Das Diakonische Werk Bergstraße begleitet junge Mütter mit dem Projekt „Spagat“, um sie für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren, unterstützt werden sie bei der Erziehung. Ein Problem sei, zeitnahe Kinderbetreuungsplätze zu finden. Die Tafel-Kundschaft steigt, erschreckend sei die steigende Zahl von Kindern. Aus Scham nutzen verarmte Senioren die Tafel zu wenig, sei dort festgestellt worden. Ortrud Goertz, Kreisbeauftragte des VdK, hatte bei der Konferenz von 400 jährlichen Beratungen berichtet, die häufigen Themen seien bezahlbarer Wohnraum, Krankheit und Rente. Bei der AWO-Kleiderkammer kommen pro Öffnungstag 60 bis 70 Personen, die von zehn ehrenamtlichen Helfern bedient werden. Beschämend sei, dass Leute Lumpen und Unnützes abgeben und damit den Arbeitsaufwand erhöhen. In den Sprechstunden des Behindertenbeirates gehe es um das Abrutschen in die Armut durch plötzliche Krankheit oder Behinderung, darüber berichtete Jochen Halbauer, der auch von behinderten Vollzeitbeschäftigen wusste, die in Armut gelangen, weil sie Hilfsmittel und Assistenzpersonal selbst finanzieren müssten. Marianne Lange von der Caritas Seniorenberatung berichtete, dass Altersarmut häufig zu sozialer Isolation führe. Dennoch scheuten sich viele Senioren aus Scham helfende Angebote anzunehmen. Die Seniorenberatung sei sehr ausgelastet. Aufsuchende Sozialarbeit soll hier zukünftig helfen. Der Sozialausschuss wird sich in seiner Sitzung am 17. August nach Angaben Lenhardts mit den Themen Kinderbetreuungsplätze und aufsuchende Sozialarbeit befassen. Die Tageselternbörse werde sich vorstellen, das Diakonische Werk Bensheim werde die aufsuchende Sozialarbeit präsentieren. Offen sei noch, ob es einen Zwischen- oder Abschlussbericht zur Konferenz geben werde. Eine erneute Armuts- und Sozialkonferenz könne wieder einberufen werden, sollten sich gravierende soziale Brennpunkte auftun. In ihrer positiven Einschätzung der Konferenz war man sich einig. Das Format der Konferenz fand Erster Stadtrat Jens Klingler gelungen: Geballte Information in der kurzen Zeit von etwa drei Stunden, um für die politische Arbeit Schlüsse zu ziehen. Es sei wichtig am Ball zu bleiben und Unterstützung zu liefern. Fachbereichsleiter Bernd Ranko sieht mit Sorge die Altersarmut, es gebe viele Menschen, denen es schlecht gehe. Aufgabe sei diese Menschen zu ermutigen Angebote anzunehmen. „Lampertheim ist keine Insel der Glückseligen“, schloss SPD-Fraktionsvorsitzender Marius Schmidt aus der Konferenz. Neue Ansätze in der Sozialarbeit seien nötig, bezahlbarer Wohnraum und die Unterstützung der Tafel werden ins Auge gefasst. Da es seit 2005 kein kommunales Sozialamt mehr gebe, habe es an Information gemangelt. Vom Kreis habe man nichts bekommen, da dieser sonst für alle Kommunen hätte tätig werden müssen. Gabriele Schmerse (CDU) lobte die gute Zusammenarbeit der politischen Akteure. Stefanie Teufel (CDU) fand es wichtig, dass die Fakten auf den Tisch kamen und zu sehen, wo die Bedarfe sind - und „schauen, wo bekommen wir das Geld her“. Rüstige Senioren würde sie gerne aus der Isolation holen und „mehr in das Gemeinwesen einbinden“. Helmut Hummel (FDP) sieht auch die Alleinerziehenden in der Armutsfalle, für sie und die Kinder sei die Nachmittagsbetreuung wichtig, die auch eine Aufgabe der Stadt sei. Fachbereichsleiter Bernd Ranko hält das Thema „bezahlbarer Wohnraum“ für „unser drängendes Hauptproblem“, da immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen. Hannelore Nowacki
Die 2. Armuts- und Sozialkonferenz machte deutlich: Die Armutsfalle schnappt in Lampertheim zu, am blühenden Wohlstand haben nicht alle Bürger Anteil. Foto: Hannelore Nowacki
Information
An der Armuts- und Sozialkonferenz am 11. Mai 2017 nahmen Vertreter der Verwaltung und Politik teil: Bürgermeister Gottfried Störmer, Erster Stadtrat Jens Klingler, Fachbereich Familie und Soziales sowie die Mitglieder des Sozialausschusses. Eingeladen waren AWO-Geschäftsführer Peter Blessing (AWO Bergstraße), Peter Kellermann (Schuldnerberatung AWO Bergstraße), Walburga Jung (Ortsverband Lampertheim), Irene Finger (Leiterin des Diakonischen Werks Bergstraße), Ortrud Goertz (VdK Lampertheim und VdK-Kreisbeauftragte), Uwe Häußler (VdK Lampertheim), Jochen Halbauer (Behindertenbeirat), Seniorenberaterin Marianne Lange (Caritas Lampertheim).