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Fr., 29. Juli 2016, 09:21 Uhr
Historienspiel im Hof des Heimatmuseums mit lustigen Marktszenen
„300 Jahre Marktrechte“ mit Festveranstaltung gefeiert
Und schon ist ein Hinkel verkauft. Eine gesunde Hinkelsupp hatte der Krämer seiner Kundin empfohlen. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Wie lebte man vor 300 Jahren? Im Hof des Heimatmuseums wird Geschichte spürbar, man kann sich vorstellen, wie das Leben in diesem Bauerngehöft aus dem Jahr 1737 mit den schönen Fachwerkfassaden früher einmal gewesen sein könnte. Am Mittwochabend fand hier ein einzigartiges Ereignis statt, wie geschaffen für diesen historischen Ort, der als romantischer Biergarten eine besondere Stimmung zaubert. Ein Jahrestag wurde gefeiert, denn vor genau 300 Jahren begann die wechselvolle Geschichte der Märkte im damaligen 1.000-Seelen-Dorf Lampertheim, nachdem der Wormser Fürstbischof dem Ort die Marktrechte verlieh. Alle Tische im Hof waren dicht an dicht besetzt, sogar die Stehplätze am Eingang waren begehrt. Mit einer kostenfreien Bürgerkarte erhielten die Gäste Einlass, eingeladen war die Bevölkerung, soweit der Kartenvorrat im Rathaus-Service und in den Außenstellen reichte. Ehrengäste waren der Einladung zahlreich gefolgt. Margit Karb, Vorsitzende des Heimat-, Kultur- und Museumsvereins Lampertheim, begrüßte Landrat Christian Engelhardt, die Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass, den Ersten Stadtrat Jens Klingler, die Ortsvorsteher von Hofheim und Hüttenfeld, Alexander Scholl und Karl Heinz Berg, sowie Spargelkönigin Stefanie II., Bürgermeister Gottfried Störmer und alle weiteren Gäste und Ehrengäste. Das Schnoukequartett, diesmal als Duo mit Wolfgang Weber am Akkordeon und Mr. Sax, stimmte das Publikum melodisch auf den Abend ein. Mit Pauken und Trompeten zog der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehren Hofheim/Bürstadt unter der Leitung von Stabführerin Stefanie Bär in den Hof ein – ein kraftvolles Signal für das historische Ereignis. Bürgermeister Störmer war in einer Doppelrolle zu sehen – als Oberschultheiß Schleicher, der vor 300 Jahren im Beisein von Amtskeller Betz und Unterschultheiß Löhr sowie allen Gerichtsschöffen vortrug, was in Sachen Marktrecht beschlossen worden war. Da im ersten Marktjahr damals keine Standgebühr erhoben wurde, sollten auch die Gäste der Festveranstaltung nichts bezahlen – sie erhielten ein Freigetränk mit Gratis-Brezel. Bei seinem Schlusswort, nun als Bürgermeister der Stadt Lampertheim, wies Störmer auf das Freibier hin, das aus zwei Fässern frisch in die Gläser gezapft wurde. Auf der Bühne waren die Marktstände aufgestellt, die sich bald mit Leben füllten, wie es vor 300 Jahren gewesen sein könnte. Die Gäste sahen ein Historienspiel mit einer „Marktszene“ aus der Feder von Heinrich Friedrich Karb, der dieses Mundartstück in einem Aufzug für das Mundartensemble des Heimat-, Kultur- und Museumsvereins geschrieben hat und mit Dialogen mitten ins pralle Dorfleben zielte. Bettsche, die resolute Krämersfrau mit Gemüse- und Obstverkauf wusste stets die passende Antwort zu geben, wie bei der neuen Idee ihres Kollegen Goobsche beim Hinkelverkauf. Im Gespräch mit ihren sparsamen Kunden und Kundinnen zogen die beiden alle Register der Verkaufskunst – in bester Lambada Mundart und lustig dazu. Dem Publikum gefiel die Vorführung, die durch die historischen Kostüme authentisch in vergangene Zeiten zurückversetzte, und sparte nicht mit Applaus. Stadtarchivar Hubert Simon hatte vor einiger Zeit bereits herausgefunden, seit wann in Lampertheim Märkte stattfanden und wie es dazu gekommen war. Im Stadtarchiv war er auf ein Gerichtsprotokollbuch für die 1706 bis 1742 gestoßen und hatte darin unter dem Datum 27. Juli 1716 einen interessanten Eintrag gefunden, den er in die heutige Sprache übertrug. Drei Jahrmärkte hatte die „gnädigste Herrschaft“ genehmigt. Der erste durfte am zweiten Montag nach Ostern stattfinden, der zweite, ein Küfer- oder Holzmarkt am 15. Juli und der dritte zum Zeitpunkt der Kirchweih, nach alter Tradition am Sonntag nach Mariä Geburt. Oberschultheiß Schleicher alias Bürgermeister Störmer teilte dem Publikum anhand einer Warenliste und Viehliste mit, wie viele Pfennige und Kreuzer zukünftig als Standgelder zu zahlen wären. Ein Fohlen kam auf vier Kreuzer, die sechzehn Pfennigen entsprachen, ein Pferd auf sechs Kreuzer. Was damals noch niemand wusste, der Marktplatz ist der heutige Europaplatz, wie Störmer anmerkte. Um das Jahr 1750 war das Markttreiben allerdings wieder vorbei, bis 1779 ein neuer Anlauf zur Genehmigung eines Viehmarktes anno 1780 führte. Doch auch dieser verschwand, bis viele Jahre später, am 23. Mai 1910, das Ministerium einen Ferkelmarkt genehmigte. Auch dieser Markt scheiterte an der geringer werdenden Nachfrage, nachdem 1911 noch 2194 Ferkel gezählt wurden. Die Märkte gehören heute zum Kulturgut der Stadt, der Oberschultheiß sprach vom Spargelmarkt und Weihnachtsmarkt und die wöchentlichen Markttage dienstags und samstags auf dem Schillerplatz. Hannelore Nowacki
Info:
Die Mitwirkenden in der Marktszene waren Gottfried Störmer (Oberschultheiß Schleicher), Florian Weppelmann (Unterschultheiß Löhr), Peter Medert (Amtskeller Betz), André Schmuck, Christoph Oberfeld als Gerichtsschöffen, Stefan Weis (Ortsbüttel), Bernhard Schüssler und Marcus Schüssler als Standartenträger, die Mitglieder der Spielgemeinschaft der Feuerwehren als Musikanten, Silvia Hoffinger (Bettsche, die Krämersfrau), Lothar Lauseker (Goobsche, der Krämer), Sonja Götz (Kundin Alwadi), Doris Schmidt (Fraa Parre), Karl-Heinz Hoffinger (Herr Lehre als Kunde), Jean-Pierre Dupin und Patrick Rupp als Bierzapper Baschdian und Bierzapper Valdin. Regie führte Heiner Weppelmann. Käthe Lahr-Bachert war für die Frisuren, Charly Hartnagel für Licht und Ton zuständig. Die Gesamtleitung hatte Margit Karb.
Oberschultheiß Schleicher (Bürgermeister Störmer) verkündete vor 300 Jahren die zu zahlenden Standgelder, aus denen das Gehalt der Amtspersonen bezahlt wurde. Foto: Hannelore Nowacki