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Do., 30. Mai 2024, 12:37 Uhr
FLÜCHTLINGSPROBLEMATIK: Stadt hatte Anwohner zur Besichtigung der neuen Unterkunft in der Industriestraße eingeladen
Ärger und Entrüstung über Standort und Nähe zu Wohnhäusern
Auf den Seiten des Mittelgangs als Hauptbewegungsachse stehen jeweils zwei „Container-Villages“. Foto. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – In der Industriestraße 40 türmen sich seit neuestem vier zweigeschossige Container-Villages für die Unterbringung von bleibeberechtigten Flüchtlingen aus der Ukraine auf. Diese Container-Blöcke nennt die Stadtverwaltung „Villages“, jeder Block eine Einheit mit Hausnummer, jedes Geschoss mit sieben Doppelzimmern, einer Gemeinschaftsküche, zwei Sanitärräumen für Toiletten sowie Edelstahlwaschbecken und fünf Duschkabinen mit Vorhang ausgestattet. In den Zimmern befinden sich zwei einfache Betten in Gestalt von Etagenbetten, zwei Spinde, zwei Stühle und ein Tisch. Ein Kühlschrank steht in einer Ecke. Zweckmäßig alles, aber keine dörfliche Gemütlichkeit. Zusätzlich gibt es ein flaches Sozialgebäude, das Platz bietet für einen großen Schulungsraum für Integrations- und Sprachkurse, Sanitärbereich und Küchenzeile sowie Büros für die Betreuerin der Stadtverwaltung vom Fachdienst Soziales und den Sicherheitsdienst. Das geschotterte Gelände ist von einem Bauzaun umgeben, der Sicherheitsdienst ist bereits rund um die Uhr vor Ort und wacht über das Eingangstor. Viele Nachbarn und Anwohner sind aus mehreren Gründen unzufrieden. Diese Unzufriedenheit, ja auch massive Verärgerung bekam am Dienstagabend besonders Bürgermeister Gottfried Störmer beim Treffen mit den etwa fünfzig Anwohnern zu spüren, das trostlos wirkende Village-Ensemble im Blick. An der anschließenden Begehung der Anlage mit Besichtigung eines Container-Blocks und des Sozialgebäudes mit fachlicher Begleitung nahmen die Anwohner in zwei Gruppen teil. Dabei konnten einige Kritikpunkte aufgenommen, andere sogar schon geklärt werden. So soll ein hohes Fangnetz wie bei Sportanlagen als Sichtschutz für ein angrenzendes Wohnhaus installiert werden. Neben Bürgermeister Störmer standen der Erste Stadtrat Marius Schmidt und Verwaltungsmitarbeiter aus den beteiligten Fachbereichen für Fragen und Stellungnahmen zur Verfügung. Eingeladen hatte die Stadtverwaltung die Anwohner per Brief zu einer Begehung der neuen Flüchtlingsunterkunft, in die ab Mitte Juni die ersten der maximal geplanten 112 Bewohner, auch Familien mit Kindern, einziehen werden. Seit einem Jahr sind die Ukrainer im Forsthaus Außerhalb an der Wildbahn untergebracht.
Vor der Begehung der Anlage stellten sich Bürgermeister Gottfried Störmer und Erster Stadtrat Marius Schmidt dem Ärger und den Fragen der eingeladenen Anwohner (im Hintergrund das Sozialgebäude mit Büros und Schulungsraum). Foto: Hannelore Nowacki
Warum gerade hier?
Eine Frage, die viele Anwohner umtreibt, die sich einen anderen Standort für das Container-Dorf gewünscht hätten – zum Beispiel eine Wiese in Blickweite schräg gegenüber. Dort gebe es keine direkten Nachbarn. Aber dort liegen auch keine direkten Versorgungsleitungen, erklärte Bauleiter Michael Kriha, der als Architekt beim Immobilienmanagement/Fachbereich 65 der Stadt Lampertheim für Planung und Bau der Anlage zuständig ist. Um Zeit und vor allem Kosten zu Lasten der städtischen Finanzen für Neuverlegungen und neue Anschlüsse zu sparen habe es keine andere Lösung geben können als die vorhandene Infrastruktur zu nutzen. Denn auf der nun genutzten Fläche residierte einst der Energieversorger Energieried mit Büroräumen und Parkplätzen, eine freie Fläche entstand nach dem Umzug in das Gewerbegebiet Wormser Landstraße. Einige aufgebrachte Anwohner sehen den Wert ihrer Immobilie geschädigt, andere Anwohner sind verärgert, dass die neuen Nachbarn ihnen aus kurzer Entfernung ins Wohnzimmerfenster und auf die Terrasse schauen können. Vom Bürgermeister und der Stadtverwaltung nicht umfassend einbezogen, stattdessen vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein. „Sie haben einfach gebaut“, lautet der Vorwurf. Auch bei der Anwohnerversammlung sei nicht alles zur Sprache gekommen. Erster Stadtrat Schmidt, zuständig für die operative Begleitung der Unterkunft in Zusammenarbeit mit den Verwaltungsmitarbeitern, widersprach dieser Auffassung – es werde gehalten, was im Oktober in der Hans-Pfeiffer-Halle versprochen wurde. Schmidt versprach transparentes Handeln der Verwaltung und erläuterte die organisatorischen Details, die den Anwohnern weitgehend bereits schriftlich zugegangen waren. Bürgermeister Störmer teilte mit, dass die Container für drei Jahre Standzeit bis 2027 geplant seien. Die Mietkosten je Block (Village)betragen monatlich brutto 10.530 Euro, enthalten sind die Mietkosten für den Sozialcontainer und Waschmaschinencontainer. Für den Bau mit Gründung, Tiefbau, Aufstellung, Elektro- und EWR-Anschluss, Bauhofleistungen, Planungskosten und Brandschutz kommt auf brutto 434.000 Euro. In drei Jahren soll in Lampertheim neuer Wohnraum gebaut sein, hofft Störmer, damit die ukrainischen Flüchtlinge umziehen können, aber auch für die Lampertheimer. Im Gespräch sei schon früher schon das angesprochene Wiesengelände gewesen.
Hannelore Nowacki
Information
Bei aufkommenden Problemen oder Auffälligkeiten, Sorgen oder Bedenken können die Anwohner die Ordnungsbehörde ansprechen, auch anonym ist das möglich. Wer sich ehrenamtlich in der Unterkunft einbringen möchte, kann sich an den Fachdienst Soziales der Stadtverwaltung wenden (soziales@lampertheim.de). Der Sicherheitsdienst AZ-Security zur Bewachung des Geländes ist mit erfahrenen Mitarbeitern rund um die Uhr vor Ort und telefonisch unter 06206-935171 für die Anwohner erreichbar. Ansprechpartner für Mitteilungen, auch anonym, ist die Ordnungsbehörde (Katja Sen, Telefon 06206-935455 oder ordnungsbehoerde@lampertheim.de). Flüchtlingskoordinatoren beimFachbereich 50, Fachdienst Soziales im Haus am Römer, 1 .OG, Domgasse 2, sind Kristina Delceva (Telefon 06206-935357 oder kristina.delceva@lampertheim.de) und Andreas Dexler (Telefon 06206-935472 oder andreas.dexler@lampertheim.de).