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Mo., 07. September 2015, 22:38 Uhr
Gut besuchtes Jazzfestival in der evangelischen Kirche mit abwechslungsreichem Programm
All Night Jazz – Magie der Musik und Atmosphäre
Herbert Joos gab der Trompete, seiner Stimme und dem Flügelhorn eindrucksvoll klanglichen Ausdruck. Foto: Hannelore Nowacki
GROSS-ROHRHEIM – Dicke Mauern, draußen Stille und im Innern der evangelischen Kirche ein Rausch der Töne, mit dezenten Lichtspielen in den Farben des Regenbogens untermalt – die Magie der Musik und der besonderen Atmosphäre in der schönen Kirche machte das gut besuchte „All Night Jazz“-Festival am Freitagabend zu einem besonderen Ereignis und Erlebnis. In familiärer Stimmung ließ sich die Musik ganz entspannt genießen, kaum merkbar kamen neue Zuhörer, andere gingen im Laufe des Abends. Das Publikum nahm vorwiegend auf den Kirchenbänken Platz, andere hatten Stühle näher an die Musiker herangerückt, ein Jazzfan genoss das Konzert im mitgebrachten Deckchair. Beim zwölfstündigen Jazzfestival von acht Uhr abends bis zum angekündigten Frühstück morgens um acht Uhr waren die Nachteulen unter den Zuhörern eingeladen, auf der Empore oder auf den Kirchenbänken zu nächtigen. Schon frühzeitig hatten einige potenzielle Schläfer ihr Nachtlager in der Höhe reserviert. Das „Committee Orchestra“ stimmte das Publikum auf die lange Nacht ein, als einzige Gruppe hatten sie einen zweiten Auftritt am frühen Morgen geplant. Das Herbert Joos Trio mit Günter Lenz und Patrick Bebelaar trat mit dem Publikum in den Dialog. „Ihr werdet zusammenbrechen - sollen wir es wagen?“ fragte Herbert Joos. Sogleich legte er los mit seiner heiseren Trompete, die sich blendend mit dem virtuos von Patrick Bebelaar gespielten Piano verstand und auch mit dem Kontrabassspiel von Günter Lenz herrlich harmonierte. Eine gewaltige Tonkaskade entlud sich auf dem Piano, rasantes Bassspiel mit Tiefgang und Joos‘ kehlige Trompete führten das Publikum in die Verzückung – ein Zwischenapplaus war fällig. „My reflection in your eyes“ war ein Stück, bei dem Bebelaar zunächst sanft über die Tasten glitt. Melodisch wogten die Töne. Dann ein Piano-Solo, glühend wie ein Vulkan, heftig der folgende Applaus. Herbert Joos reizte das Spiel mit den originellen Kehlkopf-Tönen aus, auch ohne Trompete, dynamisch und lustvoll. Unverkennbar hatten schließlich die Tango-Rhythmen die Oberhand gewonnen und Herbert Joos spielte das zierliche Flügelhorn. Nach kurzer Pause übernahm das „Ali Neander Trio“ mit Thore Benz am E-Bass und einem Percussionisten die Bühne vor dem Altar.
Gitarrist Ali Neander und Thore Benz am E-Bass unterhielten das Publikum mit atmosphärisch dichten Klangfarben. Foto: Hannelore Nowacki
Eine Anleitung zum Träumen im pulserhöhten Wachmodus kam nun über das Publikum. „Dass mir jetzt keiner einschläft“ war die Ansage des Gitarristen Ali Neander zur einkehrenden Ruhe. „Legoland“ war das erste Stück, das letzte Stück, als „Kolibri-Massaker“ angekündigt, zeigte sich jedoch eher sanftmütig, eine musikalische Aufforderung, jeden karibischen Ton wie Nektar aufzusaugen. Begeisterter Applaus war den Musikern sicher. Dann das harsche Kontrastprogramm des „Eric Plandé Touching Trios“ mit Pianist Uwe Oberg und Drummer Peter Perfido. Schrille Töne wimmelten im Kirchenschiff, Dissonanzen griffen Raum. Erich Plandés Saxofon zeigte sich von der wilden Seite. Einschlafen würde sicher schwerfallen. Pianist Uwe Oberg machte das Innenklavier zum Mitspieler, teilte seine Kräfte zwischen Tasten und Saiten. Und das alles mit großer Spielfreude präsentiert. Dass diese Jazznacht spannend würde, war zu diesem Zeitpunkt schon abzusehen. Drei Köche hatten den Mitternachtsimbiss vorbereitet, der ebenso im Eintrittspreis enthalten war wie das Frühstück. Für den Hunger und Durst zwischendurch war zu angenehmen Preisen ebenfalls gesorgt. Damit stand dem Musikgenuss kein knurrender Magen im Wege. Zugaben und kleine Umbaupausen hatten gegen Mitternacht zu einem knapp halbstündigen Zeitverzug geführt. Schon zum fünften Mal fand dieses Jazzfestival statt, das laut Veranstalter sogar deutschlandweit einmalig sein soll. Die Idee hatte der langjährige Groß-Rohrheimer Pfarrer Konrad Knolle aus New York mitgebracht. Auch wenn es nicht das einzige Jazzfestival seiner Art in Deutschland wäre, eine Atmosphäre wie in Groß-Rohrheim ist einmalig. Künstler aus Frankreich, USA und Deutschland traten auf, internationale erfolgreiche Jazz-Profis mit Auszeichnungen, Amateurbands und junge Talente aus der Region – mit etwa 40 Musikern war zu rechnen. Mit dem Erlös dieser Benefizveranstaltung von evangelischer Kirchengemeinde in Kooperation mit der Dirk-Schöneberger-Musikschule und der Musikkiste soll die Finanzierung von Deutschkursen für die Flüchtlinge in Groß-Rohrheim unterstützt werden. Hannelore Nowacki