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  • Do., 03. November 2022, 11:30 Uhr
    DISKUSSION IN GROSS-ROHRHEIM: Einsatz im Rahmen des Freiwilligentages auf Gelände der ehemaligen Gärtnerei Kirsch sorgt für Ärger / Bürgermeister Bersch und SPD beziehen Stellung

    Anwohner sehen braune Einöde statt „grüner Lunge”

    Einst ein grünes Paradies, nun öde Landschaft: Das Gelände der ehemaligen Gärtnerei Kirsch in Groß-Rohrheim. Foto: Benjamin Kloos


    GROSS-ROHRHEIM – Der Freiwilligentag der Metropolregion Rhein-Neckar ist ein gelungenes Beispiel dafür, was mit Teamgeist und Tatkraft an einem Tag positives bewirkt werden kann – normalerweise. Wie es jedoch nicht sein sollte, zeigt ein Projekt des diesjährigen Freiwilligentages in Groß-Rohrheim. Hier hatte die SPD zu einer „Aufräumaktion auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Kirsch” eingeladen, um diese „schlummernde Perle mitten in unserem Ortszentrum, direkt an der Allee … der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und es dafür erst einmal zu ‚entrümpeln‘ und frei zu machen”. Eigentlich eine gute Idee, doch die Ausführung und Umsetzung schockierte anschließend nicht nur die direkten Nachbarn: Denn wo vorher auf einer Fläche von rund 1.600 Quadratmetern ein Biotop mit blühenden Sträuchern gab, welches vielen Vogelarten, darunter ein Specht, aber auch Igeln, weiteren Kleinsäugern, Fröschen und Kröten sowie Insekten einen Brut- und Lebensraum bot, befindet sich nun ein von Bulldozern gerodetes Gelände. Natürlich wucherten hier auch Brombeerhecken, die im Zuge dieser Aktion jedoch nicht entfernt, sondern lediglich gestutzt wurden. Somit können diese im kommenden Jahr erneut wuchern, und dies nun sogar ohne Begrenzung durch andere Pflanzen. Lediglich drei Obstbäume blieben stehen. Aufgrund der klimatischen Entwicklung wäre der Erhalt einer solchen grünen Naturoase mitten in Groß-Rohrheim zur Verbesserung der Luft sicher wünschenswert gewesen – eine erneute Begrünung dürfte zumindest mit einigen Pflanzenarten, die hier standen, nun aufgrund eben dieser veränderten klimatischen Bedingungen schwierig werden, wie man auch anhand der Bemühungen auf dem Gelände der Allee im Bereich der Lärmschutzwand sieht.

    Leider ist auch der Müll, der gesammelt wurde, einfach liegengeblieben und noch immer nicht entsorgt worden, so die Anwohner im Gespräch mit dem TIP, die darüber hinaus beklagen, dass durch den ramponierten Zaun nun sowohl Personen als auch Hunde auf das Gelände gelangen können – und damit auch direkt an und auf die Grundstücke der direkten Nachbarn.

    Als Grundlage für die Aktion diente ein Beschluss der Gemeindevertretung vom 31. Mai 2022, die den Antrag der SPD-Fraktion zur Herrichtung des Grundstücks der ehemaligen Gärtnerei Kirsch mit 11 Ja-Stimmen bei 6 Nein-Stimmen angenommen hatte. Hierin wurde der Gemeindevorstand beauftragt, das Gelände für eine weitere Nutzung herzurichten, wobei eine Ausschreibung der Arbeiten veranlasst werden und der Gemeindevertretung vorgelegt werden sollten. Der Umsetzung des eigenen Antrags ist die SPD nun mit ihrer Aktion selbst zuvorgekommen – auch sehr zur Verwunderung von Bürgermeister Rainer Bersch, der sich im Beisein der Anwohner vor Ort angesichts der Aktion überrascht zeigte. 

    SPD bezieht Stellung 

    Auf Nachfrage des TIP hat sich die SPD Groß-Rohrheim zur Aufräumaktion auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Kirsch geäußert: „Das Gelände liegt seit Jahren versteckt und ungenutzt da. Es gab schon mehrfach in der Gemeindevertretung die Idee, das brachliegende Grundstück zu nutzen und den Groß-Rohrheimer Bürgerinnen und Bürgern auf irgendeine Weise zur Verfügung zu stellen. Grundsätzlicher Gedanke hierbei war, das Gelände aufzuwerten und einen Nutzen im Gleichgewicht von Umwelt, Bürgern, Kindern, Senioren zu schaffen – und gleichzeitig von der Gemeinde finanziell stemmbar sein. Wir haben mit Plakaten, Pressemitteilungen und Social-Media Postings auf allen möglichen Wegen unsere Aufräumaktion angekündigt. Auch wurde die direkten Anwohner von der Gemeindeverwaltung vorher darüber informiert (Grundstücksgrenzen waren mit Flatterband markiert). Weder bei uns noch bei der Verwaltung wurden Bedenken angemeldet. Durch mehrmalige Beschlüsse der Gemeindevertretung wurde entschieden, das Grundstück in Gemeindeeigentum zu belassen und selbst aktiv zu werden. Die Gemeindevertretung verwies das Thema in den Dorf-, Bau- und Umweltausschuss zur weiteren Erarbeitung von Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten. Dort war das Thema bereits mehrfach Tagesordnungspunkt und wurde aktiv diskutiert”, so die SPD in ihrer Stellungnahme. 

    Das idyllische Pflanzenparadies bot Schutz und Lebensraum für viele Tierarten. Foto: oh


    „Wollten Grundstück sichtbar machen”

    „Weil viele Jahre die Brombeerhecken und andere Gewächse nicht mehr geschnitten wurden, sollte das Grundstück zunächst ‚sichtbar‘ gemacht werden. Leider waren außerdem Müllablagerungen, Grünschnittentsorgung von Nachbarn, Bauschuttablagerungen, Vermüllung durch den ehemaligen Gewerbebetrieb – einer Gärtnerei – festzustellen, was die Gefahr brachte, dass sich dort Ratten ansiedelten. Bei einer Begehung wurde außerdem festgestellt, dass teilweise Bewohner/innen von Nachbargrundstücken Teile der Gemeindeeigenen Fläche selbst nutzten, Rasen anpflanzten, Schwimmbad und Spielgeräte aufgestellt hatten. Teilweise wurden die eigenen Gartenflächen kurzerhand durch Nutzung des Gemeindegrundstückes ‚erweitert‘… das kann sicher nicht dem Gemeinwohl dienen. Durch eine mehrheitliche Entscheidung verschiedener Fraktionen der Gemeindevertretung wurde beschlossen, dass von einer Fachfirma das Grundstück gerodet werden sollte. Hierfür lag bereits ein Kostenvoranschlag von circa 4.500 Euro vor. Gleichzeitig wurde jedoch festgestellt, dass im Jahr 2022 kein Budget für diese Rodungsarbeiten/ Aufräumarbeiten mehr vorhanden war, bzw. kein Haushaltsansatz dafür bereitstand. So sollte im Haushaltsplan der Gemeinde für 2023 ein Betrag von 5.000 Euro für die Arbeiten bereitgestellt werden. Generell ist die SPD Groß-Rohrheim interessiert, Gelder – die letztendlich Steuergelder aller Groß-RohrheimerInnen sind – sinnvoll zu nutzen und allen Bewohnern etwas zurück zu geben. Wir wurden mehrfach angesprochen, dass das Grundstück neben der Allee in Schandfleck für den Ort ist und dass da doch etwas für die Allgemeinheit getan werden sollte. Gerade die Lage mitten im Ort macht dieses Grundstück sehr wertvoll für die Allgemeinheit. Wir als SPD Groß-Rohrheim sehen uns deshalb in der Verantwortung – und nicht nur für unsere eigenen WählerInnen – dieses Projekt im Sinne aller BürgerInnen voranzubringen.”

    Bezüglich der angeprangerten Zerstörung des Lebensraum von Pflanzen und Tieren im betroffenen Gebiet betonten die Sozialdemokraten, dass sie sehr vorsichtig waren und kontrolliert haben, ob dort Tiere nisten oder Ihren Lebensraum haben. „Auch haben wir keine Vogelnester oder ähnliches entdecken können, zudem haben wir uns außerhalb der Brutzeit bewegt”, so die SPD. „Vorwiegend wurden Brombeerhecken, Efeu und totes Holz entfernt, wo wir keine Lebensräume von Tieren entdecken konnten. Außerdem haben wir viel Plastikmüll und sonstige Abfälle entsorgt. Teilweise wurden diese Abfälle sogar von den Beteiligten mitgenommen und in ihrem privaten Müll entsorgt. Nicht unerwähnt sollte hierbei bleiben, dass beim Bau eines Wohngebäudes das Grundstück ebenfalls geräumt und womöglich mehr Natur zerstört worden wäre, als bei unserem Helfertag. Grundsätzlich sollte zunächst den BürgerInnen die Größe und die Konturen des Grundstückes sichtbar gemacht werden. Selbst viele der Anwesenden wunderten sich nach der Arbeit, wie groß das Grundstück ist und wo die Grenzen verlaufen. Durch diese ‚Sichtbarmachung’ erhoffen wir uns weitere Ideen aus der Bürgerschaft, welche wir aktiv in den Entwicklungsprozess einbringen wollen, denn wir möchten mit dieser Entwicklung unser Dorfzentrum stärken und aufwerten, durch die neuen Alleehäuser wurde ein vielversprechender Anfang gemacht. Was letztendlich mit dem Gelände passiert, ist momentan noch komplett offen. Wir verstehen, dass die neue Situation ungewohnt ist. Aber das Gelände ist Eigentum der Gemeinde und mit der Verwaltung war die Aktion auch abgesprochen und genehmigt. Wäre genug Geld im Haushalt gewesen hätte die Arbeiten eine Firma übernommen mit dem gleichen Ergebnis. Auch weiterhin sind wir für jeden Dialog offen und freuen uns auf das Gespräch.”

    Kritik durch Bürgermeister Bersch

    Auch Bürgermeister Rainer Bersch bezieht zum Vorgang rund um den Freiwilligentag Stellung: „Der Ortsverein der SPD hatte einen Antrag an den Gemeindevorstand gestellt, mit dem Ziel, dass gemeindeeigene Grundstück an der Allee zu säubern und herzurichten. Der Gemeindevorstand war damit einverstanden. Es wurde von Seiten der SPD in den sozialen Medien zum Mitmachen geworben. Allerdings waren da symbolisch Rasenmäher, Schubkarren und Schippe und ähnliches abgebildet. Im Antrag wurde auch nicht darauf hingewiesen, dass Bagger, LKW und Traktoren zum Einsatz kommen. Über das Ergebnis war ich sprachlos, denn das Grundstück war durchpflügt von Reifenspuren. Es sieht nun aus, wie auf einem Truppenübungsplatz. Diese totale Rodung kann ich nicht verstehen. Das ursprüngliche Grundstück war vielleicht für das menschliche Auge und Empfinden ein ungeordneter Anblick, aber gerade eben das sind die Voraussetzungen für Tiere, wie Igel, Vögel und Insekten, die dort Schutz und Unterschlupf gefunden haben. Die Aussage, man habe vor Beginn der Arbeiten durch nachschauen geprüft, dass keine Tiere im Dickicht vorhanden waren, muss angezweifelt werden. Das schizophrene an der Sache ist, dass man hier das Ökosystem und den Brutplatz vieler Arten entfernt hat und einige Monate zuvor in der Gemeindevertretung darauf bestand, einen Blühstreifen entlang der alten B44 anzulegen, um Insekten einen Lebensraum zu schaffen. Die größte Überraschung kam aber dann im Ausschuss für Dorfentwicklung, Bau- und Umweltfragen. Es wurde spontan von der SPD vorgeschlagen, auf dem freigelegten Gelände nun vorerst ein Biotop anzulegen. Ich überlasse es den Lesern, sich eine Meinung hierüber zu bilden.” Benjamin Kloos

     

     

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