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Do., 23. Februar 2023, 14:23 Uhr
FÜR BESSEREN SCHUTZ: Projekttag in der Alfred-Delp-Schule in 6. Klassen / Schüler stellten bei Podiumsdiskussionen wichtige Fragen
„Brich Dein Schweigen – hinter jedem Missbrauch steckt ein Gesicht“
Im Rahmen des Projekttages an der Alfred-Delp-Schule wurde ein entsprechendes Banner übergeben, welches nun am Eingang der Schule auf das wichtige Thema Kindesmissbrauch aufmerksam macht – sehr zur Freude von Kriminalhauptkommissar Michael Rühl, der Ersten Kreisbeigeordneten Diana Stolz, Schulleiterin Sylvia Maier und Landrat Christian Engelhardt (v.l.). Foto: Benjamin Kloos
LAMPERTHEIM – Es ist ein wichtiges Projekt vor einem erschreckenden Hintergrund: Am Donnerstag fand in der Alfred-Delp-Schule (ADS) der Projekttag „Brich Dein Schweigen – hinter jedem Missbrauch steckt ein Gesicht“ für alle Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen ab einem Alter von 12 Jahren für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch im Netz statt.
Die Fallzahlen sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen sind laut Polizei zuletzt auch in Hessen deutlich gestiegen. Sicherheitsbehörden schätzen die Dunkelziffer als hoch ein. Die Opfer bleiben oft ihr Leben lang traumatisiert. Der Kampf gegen Kindesmissbrauch hat auch für den Kreis Bergstraße höchste Priorität: Im vergangenen Sommer starteten der Verein Bürger und Polizei Bergstraße e. V., die Rotary Clubs der Region sowie das Polizeipräsidium Südhessen eine Kampagne unter dem Namen „Brich Dein Schweigen – hinter jedem Missbrauch steckt ein Gesicht“ mit dem klaren Ziel, Kinder und Jugendliche zu schützen und die Täterinnen und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Der Kreis Bergstraße unterstützt diese Initiative, indem weiterführende Schulen des Kreises motiviert werden, an dieser Aktion teilzunehmen. Die ADS übernahm dabei einmal mehr die Vorreiterrolle, wurde dieses Projekt hier doch erstmals alleine an einer Schule in Hessen durchgeführt.
Im Vorfeld des Projekttages wurden die Schülerinnen und Schüler durch die Klassenlehrer, die Respektcoaches Janine Klingler und Carolin Schleicher und die für die Schule zuständige Jugendpolizistin und Polizeioberkommissarin Christina Wegerle für das Thema sensibilisiert und auf dieses vorbereitet. Der Aktionstag selbst startete mit der Vorführung eines Filmes, in dem ein Sozialexperiment durchgeführt wird: Drei Schauspielerinnen wurden so hergerichtet, dass sie wie 12-jährige Mädchen aussehen. Ihre Kinderzimmer werden im Studio nachgestellt, als 12-Jährige chatten die Frauen im Internet und werden schnell von erwachsenen Männern kontaktiert und mit deren (oftmals sexuellen) Interessenbekundungen konfrontiert. Die Forderungen bestehen beispielsweise darin, Fotos zu schicken, auf denen der Oberkörper frei bleibt, bis hin zur Forderung, sich persönlich und heimlich zu treffen. Zwischendurch schlüpfen die Frauen immer wieder in die Rolle der Schauspielerinnen und geben den Schülern Hinweise, was man niemals von sich im Internet Preis geben solle und wie man sich vor Missbrauch schützen kann. Der Film ist dabei sehr eindrücklich und gleichermaßen erschütternd. Er klärt auf und trägt hoffentlich dazu bei, dass Kinder sich vorsichtiger im „Netz” bewegen werden.
Der FIlm hinterließ bei den Schülerinnen und Schülern dabei einen bleibenden Eindruck, wie sich bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit Vertretern der Polizei, der Ersten Kreisbeigeordneten Diana Stolz, dem Staatlichen Schulamt und Schulleiterin Sylvia Maier deutlich sichtbar herausstellte. Einfühlsam moderierten Ali Karadede und Maximilian Porwoll, beide Schüler der Klasse 10bR, die Podiumsdiskussion und vermittelten immer wieder wichtige Fragen der Schülerinnen und Schüler.
„Niemals Nacktbilder verschicken”
Eines wurde dabei immer wieder deutlich: Niemand sollte sich darauf einlassen, Nacktfotos von sich aufzunehmen und an andere zu schicken – selbst an gute Freunde nicht. Denn Freundschaften können zerbrechen und die Fotos auch zu einem späteren Zeitpunkt weitergeleitet und veröffentlicht werden. Gleichzeitig solle sich niemand erpressen oder unter Druck setzen lassen sondern sich an eine Vertrauensperson oder die Polizei wenden – denn grundsätzlich wären die Drohungen meist haltlos und es würde nichts passieren, zumal die Polizei für entsprechenden Schutz sorgen würde wenn ihr entsprechende Fälle bekannt sind.
„Warum machen ältere Männer das?“ lautete eine der Fragen, aber auch „Wie erkenne ich Fake-Profile?”. Hierbei betonten die Podiumsteilnehmer, dass es wichtig sei, Freundschaftsanfragen nur dann anzunehmen, wenn man die Person wirklich kennt. Häufig erschleichen sich ältere Männer das Vertrauen, etwa über Spiele wie FIFA oder Fortnite sowie über soziale Medien wie TikTok und Instagram, und geben sich als Gleichaltrige aus, bis sie irgendwann ihre Maske fallen lassen. Dann ist es meistens zu spät. Dabei sind nicht nur Mädchen betroffen, sondern auch Jungen. Bezüglich der Frage „Was ist, wenn man bedroht wird, sich aber nicht traut Hilfe zu holen?” wurde klar gestellt, dass es wichtig sei, Freunde oder Menschen, denen man vertraut, anzusprechen. Man sollte aber auf keinen Fall denken, dass man selbst schuld an der Situation sei, selbst wenn man das erste Foto vielleicht noch freiwillig geschickt hat. Sollte einmal ein Nacktbild online sein, könne wenig dagegen getan werden – denn das „Netz” vergisst nichts. „Bitte überlegt gut, ob ihr Nacktbilder von euch macht und weitergebt”, war die deutliche Mahnung an die Schülerinnen und Schüler.
Sollte man von einer Gruppe auf offener Straße beleidigt oder bedroht werden, ist es wichtig, andere Personen direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten, laut um Hilfe zu rufen oder an einer nahen Haustür zu klingeln. Auch Fragen zum Mobbing wurden gestellt – hier versprach Polizeioberkommissarin Christina Wegerle, dieses ebenfalls wichtige und umfassende Thema direkt in den Klassen anzusprechen und für Fragen zur Verfügung zu stehen. Alle Fragen, die aus zeitlichen Gründen nicht behandelt werden konnten, werden im Nachgang in den Klassen besprochen.
Appell an die Eltern
Die Erste Kreisbeigeordnete Diana Stolz betonte im Gespräch mit der Presse, dass neue Medien zwar Fortschritt, gleichzeitig aber auch Gefahren bieten. „Nicht nur Kinder und Jugendliche sind dabei gefragt, sondern auch die Eltern. Denn manche Elternteile sind sich gar nicht bewusst, was in den Kinderzimmern passiert. Grundsätzlich gilt: Kinderschutz ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Im Zweifel ist es besser. einmal zu viel eine Beobachtung zu melden als einmal zu wenig.” Rudi Heimann, Polizeivizepräsident des Polizeipräsidiums Südhessen, ergänzte, dass es auch darum gehen müsse, „hinzuschauen, durch alle gesellschaftlichenKräfte hinweg.” Ein Drittel aller Meldungen komme aus der gleichen Altersgruppe der Betroffenen, daher seien Projekte wie dieses so wertvoll. Bürgermeister Gottfried Störmer betonte: „Man darf und kann sich melden, es gibt keinen Nachteil für den Melder aus dieser Situation heraus. Es ist wichtig, dieses Thema publik zu machen, dass es nach draußen und in die Schulgemeinschaft kommt undnicht im Kinderzimmer bleibt.”
Wie wichtig dies ist, belegte Schulleiterin Sylvia Maier. „Leider haben wir auch immer wieder Fälle an unserer Schule, dass Bilder mit leichter Bekleidung weitergegeben werden, die dann veröffentlicht werden, was sogar schon zu einem Schulwechsel geführt hat. Dies setzt in den 7. Klassen an, manchmal sogar noch früher.” Kriminalkommissar Johannes Hofmann von der Jugendkoordination Bergstraße appellierte daher an die Eltern: „Kontrolle muss zuhause beginnen, Eltern dürfen ihre Kinder mit der Problematik nicht alleine lassen sondern müssen interessiert sein.” Mehr Informationen zum Projekt gibt es auch unter https://ppsh.polizei.hessen.de/Ueber-uns/Regionales/Kampagne-Brich-Dein-Schweigen/ Benjamin Kloos
Information
Kinder und Jugendliche, die Hilfe in einer Notsituation suchen, können sich vertrauensvoll an die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in der Blücherstraße 26 in Lampertheim sowie das Hilfetelefon mit den Nummern 0800 22 55 530 bei sexuellem Missbrauch und 0800 55 222 0 zur Prävention von Kinder- und Jugendpornographie wenden – und auch die Polizei selbst ist rund um die Uhr erreichbar.