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  • Mo., 06. September 2021, 20:02 Uhr
    STADTVERORDNETENVERSAMMLUNG: Waldbegehung mit Förstern zu den Problemstellen

    Der Stadtwald hat viele Freunde und Feinde

    Der Blick nach oben zeigt, wo der Wald besonders kränkelt. Foto: Hannelore Nowacki


    LAMPERTHEIM – Am Samstagvormittag machte sich bei hochsommerlichem Wetter eine rund dreißigköpfige Gruppe auf den Weg durch den Stadtwald, nicht zu einem vergnüglichen Ausflug ins grüne Waldparadies auf Lampertheimer Gemarkung - eine ganz offizielle Waldbegehung der Stadtverordnetenversammlung mit dem Ziel einer Bestandsaufnahme der Problemstellen und Grundlagen für zukünftige Beschlussvorlagen in der Stadtverordnetenversammlung war angesagt. Eingeladen zu diesem auch amtlich bekanntgemachten Termin hatte Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb (CDU). Protokoll geführt wurde wie bei üblichen Gremiensitzungen, nur dass Beate Groß diesmal unter freiem Himmel ohne Tisch auskommen musste. Wenn es um Kosten und Investitionen für den Stadtwald geht, ist die Stadtverordnetenversammlung gefragt. Für die fachlich fundierte, planmäßige Waldbewirtschaftung verlangt das Hessische Forstgesetz von den Waldbesitzern Betriebspläne, in der Regel für Zeiträume von zehn Jahren Plan. Eine Angelegenheit, die nicht von heute auf morgen zu erledigen ist. Bis die erarbeiteten Ergebnisse vorliegen, kann es noch eine Weile dauern. Die meisten Teilnehmer waren mit dem Fahrrad gekommen, einige fuhren in Fahrzeugen der Forstverwaltung zu den zehn Problemstellen. Der Rundkurs, geplant vom Forstamt Lampertheim, führte nach drei Stunden und etwa sechs Kilometern wieder zurück zum Parkplatz in der Alten Lorscher Straße unweit des Sodabuckels. Forstamtsleiter Ralf Schepp, Revierleiter Volker Harres und Forstpraktikant Luca Kilian begleiteten die Tour. Viele Fragen wurden gestellt und ausführlich beantwortet. Zahlreiche Stadtverordnete, der Bürgermeister, Stadträte, Bauamtsleiterin Anne Wicke sowie einige Jäger und interessierte Bürger machten sich ein Bild von den Waldschäden und Gegenmaßnahmen. Viele Freunde hat der Stadtwald, der zum Spazierengehen, Spielen, Joggen und Reiten einlädt, einen  Walderlebnispfad und Grillplatz „Heidetränke“ bietet und im Waldkindergarten „Fuchsbau“ den jüngsten Waldfreunden erlebnisreiche Tage beschert. 

    Der Stadtwald leidet und kostet

    Zahlreicher noch sind die Feinde des Stadtwaldes: Hitze und Trockenheit wie in den drei Sommern seit 2018 und der Sturm 2014 haben dem Wald zugesetzt, dazu kommt seit Jahren die erzwungene Grundwasserabsenkung für die Versorgung von Frankfurt und Wiesbaden mit gutem Trinkwasser. Schadinsekten wie der Borkenkäfer und der Prachtkäfer, der Schadpilz Diplodia mit dem Bild der schwarzen Rinde  und die Massenvermehrung von Maikäfern alle paar Jahre, nächstes Jahr wieder, geben vielen Bäumen mehr oder weniger schnell den Rest. Rehe lieben die eiweißreichen frischen Baumknospen, in der Folge verkümmern die frisch gepflanzten Bäumchen, wenn sie nicht teuer durch Zäune vor dem Wildverbiss geschützt werden. Weder dem Rehwild noch den Jägern sei ein Vorwurf zu machen, meinte Bürgermeister Störmer – so viel Wild könne gar nicht geschossen werden, um den Verbiss zu verhindern. Zudem wollen Jäger das Wild auch hegen. Waldbesitzer seien gesetzlich gefordert, für „tolerablen“ Verbiss zu sorgen. Anderes Wild mit Appetit auf zarte Baumspitzen wie kapitale Hirsche gebe es schon seit Anfang der 1950er Jahre nicht mehr im Stadtwald. Beim ersten Bild wies Revierleiter Harres auf das gelungene Aufforsten auf dem Sodabuckel hin, während auf der anderen Seite nach Süden und Westen hin der Wald nach dem Sturm im Februar 2014 aufgerissen und offen ist, die Trockenheit lässt die Buchen in die Knie gehen, Diplodia hat sich auf alten Kiefern angesiedelt. Die nächste Station: Nur 0,3 Hektar groß ist die Fläche mit Naturverjüngung, hier wurden 715 Sandbirken dazu gepflanzt, erklärte Harres. 

    Auf dieser Sturmtrasse wurden 2014 die meisten alten Bäume umgerissen – die Neuanpflanzung wächst. Foto: Hannelore Nowacki


    Was tun? 

    Wo kein Zaun installiert wurde sind die Kiefern zu klein geblieben und brauchen mehr Pflege, auf der eingezäunten Fläche gegenüber sind die Kiefern vier Jahre voraus. Die Erfahrung zeige, erklärte Forstamtsleiter Schepp, dass sich selbst kleinere, teure Zäune gegenüber den Plastikröhren lohnen, in denen noch viele Birkenstämmchen stecken. Was heute nachgepflanzt wird, wollte der stellvertretende Vorsitzende des Umwelt-, Mobilitäts- und Energieausschusses Gernot Diehlmann (FDP) wissen und was zu tun sei. Die Mischung mehrerer Baumarten  macht’s, erklärte Harres, die Sandbirke werde nachgepflanzt. Hauptkonkurrent ist nicht nur hier die fast unverwüstliche Traubenkirsche, die durch ihren Blätterfall zudem die Naturverjüngung verhindere, weil die Blätter einen Stoff enthalten, der die Keimlinge abtöte. 

    Verantwortung und Kosten

    Stadtverordnetenvorsteher fragte Schepp nach den Kosten für diese kleine Fläche: Für die Bodenvorbereitung einschließlich Mineralien sind 1.500 bis 3.000 Euro fällig, der Zaun pro Hektar kostet 2.500 Euro, für die Kiefern sind 4.000 Euro aufzubringen, eine Tüte kostet 3 Euro, insgesamt entstehen pro Hektar Kosten von etwa 20.000 Euro. Kiefer und Eiche sorgen für schnelles Zuwachsen der Flächen. Am nächsten Halt sind 93-jährige Kiefern und alte Buchen kaputt, sie haben keine Herzwurzeln gebildet und kommen nicht ans Grundwasser heran. Ebenso sind die 130-jährigen Kiefern und 93-jährigen Buchen auf einer weiteren Fläche abgängig. 2018 wurden hier für 30.000 Euro pro Hektar Stieleichen, Hainbuchen und 30-jährige Sandbirken von der Baumschule in den mineralisierten Boden gepflanzt. Als Schutz für die kleinen Eichen dient hier tatsächlich die Traubenkirsche.

    Die alten Buchen haben keine prächtige Krone mehr – nur noch einen kümmerlichen Rest. Auch die Kiefern neigen sich dem Ende zu. Foto: Hannelore Nowacki


    Aber man müsse sie ständig im Auge behalten. Stieleiche und Kiefer seien schon immer hier gewachsen, betonte Schepp, auch der Lampertheimer Wald sei schon immer an dieser Stelle gewesen, eine Besonderheit gegenüber den meisten Wäldern in Deutschland. Auf zwei Hektar mit 134-jährigen Kiefern und alten Buchen sollen Hainbuche, Spitzahorn, Linde und Eberesche gedeihen, in Mulden sitzen kleine Kiefern. Entlang von Hauptwegen sollen als Feuerriegel Roteichen gepflanzt werden. Aus dem Landesprogramm „Sanierung Rhein-Main“ für Waldbesitzer erhalte Lampertheim 300.000 Euro Fördermittel. Im waldreichen Hessen glänzt Lampertheim mit rund 1.100 Hektar Forstfläche. Auf 20 Hektar sollen 2021 und 2022 noch 47.000 Laubbäume gepflanzt werden. Abgestorbene Buchen ragen in den Himmel – sie sollen stehen bleiben. Sie abzuholzen brächte nichts ein. Dafür zeigen sich bereits viele kleine, buschartige Buchen. Ein weiteres Problem nannte Schepp: Je weniger ältere Bäume, desto weniger Naturverjüngung. Am Beispiel einer durch 1,1 Millionen Ökopunkte anerkannten stillgelegten Fläche von 13,1 Hektar erläuterte Schepp die Förderung durch die Bundeswaldprämie, die nur bei einem ökologischen Mehrwert greife, zum Beispiel weil Fledermäuse dort leben. Der weite Himmel öffnete sich über einer Sturmtrasse von 2014, auf der selbst alle alten Bäume umgeweht wurden, die jedoch schon ein Jahr später mit Eichen und Hainbuchen neu bepflanzt wurde. Abschließend wies Korb auf die Verantwortung „für uns und nachfolgende Generationen“ hin. Die Entscheidung sei nicht einfach. „Wir müssen uns auf die entsprechenden Experten verlassen können“. Bürgermeister Störmer teilte auf Nachfrage mit, dass mit dem geschlagenen Holz nicht viel erwirtschaftet werde, es sei kein Holz für Möbel. Hannelore Nowacki

     

     

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