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  • Mi., 12. November 2014, 14:43 Uhr
    Dekanatsgottesdienst mit Einweihung einer Gedenkstätte für Opfer des Holocaust in Groß-Rohrheim

    „Die Erinnerung darf nicht enden“

    Am 9. November wurde die Gedenkstätte für Opfer des Holocaust in Groß-Rohrheim eingeweiht. Foto: Dek.Ried/Sekulla


    GROSS-ROHRHEIM - Es war kein anonymes Gedenken an diesem zunächst nebligen Sonntagmorgen in der evangelischen Kirche in Groß-Rohrheim. Das Vorbereitungsteam der Dekanatsfrauen stellte die jüdische Ärztin Lilli Jahn in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Die knapp 205 Briefe, die sie an ihre Familie schrieb, sind erhalten und wurden 2002 unter dem Titel „Mein verwundetes Herz“ veröffentlicht und zum Gedenkgottesdienst auszugsweise vorgelesen.

    Lilli Jahn war eine gebildete und großherzige Frau, die sehr feinsinnig wahrnahm und in den Briefen beschrieb, wie sich Schritt für Schritt ihr Leben als Jüdin in Deutschland zur Nazizeit änderte. Sie bekommt mit ihrem nichtjüdischen Mann Ernst, ebenfalls Arzt, fünf Kinder. Als die Ehe zebricht, verliert sie den letzten Schutz und wird mit ihren Kindern vom Ortsgruppenleiter vertrieben und lebte bis zu ihrer Verhaftung in Kassel. Was sie, zunächst noch in Freiheit und später aus dem Erziehungslager Breitenau und schließlich aus Ausschwitz an ihre Kinder schrieb, die seit der Verhaftung auf sich allein gestellt waren, ist heute noch bedenkenswert.

    Im Rahmen des Gottesdienstes weihte Pfarrer Konrad Knolle eine Gedenkstätte für Opfer des Holocaust und eine Erinnerungstafel an die jüdische Gemeinde in Groß-Rohrheim ein. In Groß-Rohrheim bestand eine jüdische Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück. 1568 wurden bereits Juden am Ort genannt. An Einrichtungen bestanden eine Synagoge, eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Die Synagoge stand „Im Eck 4“- sie wurde im Krieg gänzlich zerstört.

    „Wo waren da die Gemeinde, die Kirchengemeinde, die Bürgerinnen und Bürger Groß- Rohrheims?“, mit dieser Frage enthüllte Pfarrer Konrad Knolle die Gedenkstätte. Sie soll die Erinnerung an die drei Schwestern Therese, Johanna und Mina Sundheimer wach halten- die drei letzten in Groß-Rohrheim lebenden Jüdinnen.

    Seit Anfang des 19. Jahrhunderts war Familie Sundheimer in Groß-Rohrheim ansässig. 1938 wurde ihr Haus von Nazis überfallen und die drei Schwestern Therese, Johanna und Mina flohen über Frankfurt nach Amsterdam. Von dort aus wurden sie in das sogenannte „Judendurchgangslager Westerbork“ deportiert. Hier verliert sich ihre Spur- es ist aber sehr wahrscheinlich, dass sie in das Konzentrationslager nach Ausschwitz kamen. Ein Verwandter aus Amerika ließ sie nach dem Krieg für tot erklären und als „im Holocaust ermordet“ registrieren.

    Die drei Gedenksteine erinnern nun an sie. Daneben liegt ein weiterer Gedenkstein, der an alle im Holocaust Ermordeten erinnert. Er trägt die Inschrift aus Jesaja 56: „Ihnen allen errichte in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal. Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ Im Anschluss an die Einweihung hatten – nach jüdischer Tradition- alle die Möglichkeit, einen Kieselstein als Andachtszeichen auf den Gedenksteinen zu hinterlassen.

    Möge die Anlage zur Wachsamkeit mahnen und viele Generationen zum Nachdenken anregen. zg

     

     

     

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