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Fr., 17. April 2020, 11:39 Uhr
Pfarrerin Sabine Sauerwein im Gespräch zu Kirche und Corona
„Die ganze seelsorgerliche Kompetenz ist gefragt“
Pfarrerin Sabine Sauerwein von der Evangelischen Lukasgemeinde Lampertheim. Foto: oh
LAMPERTHEIM – In der Corona-Krise herrscht Ausnahmezustand – auch in der evangelischen Kirche. Gottesdienste können in gewohnter Form nicht stattfinden. Das Gemeindeleben liegt zwar nicht brach, hat sich aber grundlegend gewandelt.
Auf die Frage, ob sie in „Kurzarbeit“ sei oder sogar mehr zu tun habe als sonst, sagt die Pfarrerin der Lampertheimer Lukasgemeinde, Sabine Sauerwein: „In den ersten 14 Tagen nach der Anordnung des Kontaktverbotes habe ich keinen Unterschied in der Arbeitsbelastung gemerkt, da es so viel zu organisieren gab. Jetzt ist es schon so, dass ich öfter zuhause bin als sonst, weil Sitzungen wegfallen, weil Konfirmandenunterricht und Kindertag nicht stattfinden, auch mussten schon die ersten Trauungen für die kommenden drei Wochenenden abgesagt werden. Es ist eine andere Art des Arbeitens, auch was die Seelsorge betrifft.“
Vieles, worauf sie sich gefreut habe, musste abgesagt werden. Es sei ihr sehr schwer gefallen, die Tauffamilien und Brautpaare anzurufen. „Ganz besonders die Absage der Konfirmation und der in gewisser Weise brutale Kontaktabbruch mit unseren Konfis, die wir sonst wöchentlich sehen und die gerade dabei waren, ihre Konfirmationssprüche auszuwählen, hat mir persönlich zu schaffen gemacht.“
Bei Trauergesprächen und Beerdigungen auf dem Friedhof sei angesichts der Kontaktbeschränkungen die ganze seelsorgerliche Kompetenz gefragt, betont die Pfarrerin. „Es bedarf einer besonderen inneren Vorbereitung, so empfinde ich das, um die Angehörigen zu begleiten, um die Telefongespräche zu führen oder auch, um ein Treffen in geschütztem Rahmen zu ermöglichen. Hier können wir aber auch sehr viel geben und Trost spenden.“
Die Lukasgemeinde versuchte durch kreative Aktionen wie den Osterbackwettbewerb, das Domrätsel, über facebook, instagramm, durch E-Mails, sonntägliche Audio-Podcasts und Telefonate den Kontakt auch zu den jungen Familien und Gemeindemitgliedern zu halten. Mit den älteren Gemeindemitgliedern telefonierten Pfarrerin Sauerwein und ihr Kollege Sven Behnke nach eigenen Angaben deutlich häufiger als üblich. Das Bedürfnis nach geistlichem Zuspruch sei sehr groß.
Insbesondere für die alten Menschen und ihre Angehörigen sei das eine sehr bittere Zeit und es tue im Herzen weh, dies mitzuerleben, erklärt Sabine Sauerwein. „In gewisser Weise sind wir als Gemeindepfarrer hier auch ein wenig ‚abgeschnitten‘, denn anders als sonst finden unsere Angebote für Senioren nicht statt, zu denen sonst auch Bewohnerinnen und Bewohner aus den Pflegeeinrichtungen kommen. Ich glaube, dass hier in der Folge noch ein hoher seelsorgerlicher Bedarf sein wird, um das Erlebte aufzuarbeiten.“
Not lehrt beten, heißt es im Volksmund. Ob beten helfe, dazu macht Pfarrerin Sauerweine eine klare Ansage: „Auf jeden Fall. Wir haben in unserer ‚Outdoor–Kirche‘ im Eingangsbereich zur Domkirche eine Fürbittenbox aufgestellt. Sonntags vor dem Gottesdienst, den mein Kollege oder ich stellvertretend in der geschlossenen Kirche für die Gemeinde feiern, lesen wir im geschützten Raum alle Fürbitten vor. Es werden von Sonntag zu Sonntag mehr. Ich bin tief berührt von den Fürbitten und merke auch, wie sich mein eigenes Gebet verändert.“
Die TV-Gottesdienste und auch die vielen digitalen Angebote der Gemeinden haben zum Teil sehr hohen Zuspruch. Wird die evangelische Kirche nach der Krise digitaler sein? „Für einen Menschen, der nicht so superdigital aufstellt ist wie ich, ist das nicht so einfach zu beantworten“, sagt Sabine Sauerwein. Wahrscheinlich werde das ganze öffentliche Leben digitaler werden – und insofern werde es auch Kirche betreffen. „Ich könnte mir z.B. vorstellen, unseren Audiopodcast auch nach Corona zu bestimmten Zeiten aufzunehmen und an Menschen weiterzuleiten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Gottesdienst kommen können. Ich finde es toll, wie unsere Homepage mehr und mehr ins Bewusstsein der Gemeindemitglieder kommt. Ich freue mich aber auch ganz einfach auf persönliche Begegnungen und Gespräche, auf ein Miteinanderfeiern in der Kirche, auf Gesichter, in die ich nicht nur über skype schauen kann.“ zg