Mo., 17.08.2026
Die Gratiszeitung für Lampertheim und das hessische Ried
  • Startseite
  • Sport
  • Termine
  • Stellenmarkt
  • Mi., 23. Dezember 2020, 15:07 Uhr
    TEILHABE: Arbeitskreis der Teilhabekommission setzt sich mit Situation von Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige in Zeiten der Corona-Pandemie auseinander

    „Eine Behinderung zu haben heißt nicht krank zu sein”

    Wer eine Behinderung hat, ist nicht gleich krank. Dies wurde und wird aus Sicht der Arbeitsgruppe Corona der Teilhabekommission des Kreis Bergstraße bei den Planungen für die Lockdowns nicht berücksichtigt – hier werden Verbesserungen gefordert. Denn gerade Kinder sind von den Maßnahmen stark betroffen. Foto: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder.de


    KREIS BERGSTRASSE – Wie können die Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige in Zeiten der Corona-Pandemie verbessert werden? Mit dieser Frage hat sich die Arbeitsgemeinschaft Corona der Kreisteilhabekommission in den vergangenen Wochen auseinandergesetzt. Nun stellten der zuständige Kreisbeigeordnete Karsten Krug, Petra Brandt, Petra Thaidigsmann, Michael Helbig und Petra Doering von der Arbeitsgemeinschaft deren entsprechende Ergebnisse vor. Weitere Teilnehmer der Arbeitsgruppe Corona sind Eva Epple, Nina Wurzrainer, Henning Knapheide und Christina Luhn.

    Es ist eine wichtige öffentliche Aufgabe, Menschen mit Behinderung die Teilhabe an allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu ermöglichen und ihre Rechte umzusetzen. Dies wird im Kreis Bergstraße über diverse Maßnahmen umgesetzt. Unter anderem widmen sich die Kreis-Teilhabe-Kommission und der Behindertenbeauftragte des Kreises dieser Aufgabe. In der jüngsten Arbeitsgruppe ging es darum, herauszufiltern, wo bei den Maßnahmen rund um die Corona-Pandemie gerade mit Blick auf Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen über das Ziel hinausgeschossen wurde. Denn eines sei klar: Menschen mit Behinderung sind nicht gleich krank und nicht gleich eine Risikogruppe, dies wurde aus Sicht der Arbeitsgruppenmitglieder, aber auch vieler Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen oftmals vergessen.

    Karsten Krug betonte, dass „es ein wichtiges Anliegen ist, für die Menschen, die in der ersten Runde des Lockdowns nicht ganz im Blickwinkel der Entscheidungsträger waren, eine Lobbyarbeit machen zu können, den Blickwinkel auf Schwächere zu richten und Sprachrohr für diese Gruppe zu sein.” Im August habe man sich in der Kreisteilhabekommission über die ersten Erfahrungen mit Corona ausgetauscht, daraufhin wurde die Arbeitsgruppe Corona gebildet, um sich auf die zweite Welle vorzubereiten – auch und gerade mit Blick darauf, welche Auswirkungen die Maßnahmen auf Menschen mit Behinderungen haben.

    „Kinder mit Behinderung nicht vergessen”

    Petra Thaidigsmann (EUTB® Bergstraße) erläuterte, dass es „deutlich geworden ist, wie viele Menschen im ersten Lockdown in Not geraten sind, sowohl Familien mit Kindern aber auch Menschen, die in Pflegeheimen leben. Wir hoffen, dass die Anliegen, die wir haben, gehört werden, auch um Gewalt in den Familien zu vermeiden. Denn es haben sich viele Familien bei uns gemeldet, die am Ende ihrer Kräfte und verzweifelt waren. Diese hatten teilweise Angst, dass ihnen die Hand ausrutscht. Daher ist es besonders wichtig, dass es transparente Kommunikationsformen gibt, besonders zu den Eltern hin, damit diese wissen, dass sie sich melden können und nicht unsichtbar verloren gehen. Es war uns ein Anliegen, die Bedürfnisse der Familien zuhören und diese publik zu machen.”

    Petra Doering von Wir DABEI! e.V. ergänzte, dass „wir im Rahmen der Arbeitsgruppe eine Umfrage gemacht haben, bei der sich Betroffene melden können um mitzuteilen wo die größten Problem lagen oder was positiv war. Wir haben innerhalb einer Woche über 30 Rückmeldungen erhalten, anschließend gab es zusätzliche Rückmeldungen, beispielsweise über die Frühförderstelle Lampertheim und den Behindertenbeirat Lampertheim.”  Ein großer Baustein sei das Thema Kinder mit Behinderung gewesen, denn „diese waren in den Planungen und Überlegungen beim erstem Lockdown nicht mit berücksichtigt worden. Zudem sind familienunterstützende Dienste zusammengebrochen, so dass nicht nur die Schließung der Schule und Kitas problematisch war, sondern viele Bereiche darüber hinaus.” Auch, weil in vielen Familien Betreuer ausgefallen sind. „

    Gerade Kinder mit Behinderung brauchen einen festen Rahmen, für diese war es besonders schwierig”, so Petra Doering weiter. „Wir haben durch die Arbeitsgruppe Verbesserungen in der Kommunikation vom Kreis in Richtung der Familien erzielt, um diese besser über ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren. Dies ist wichtig, denn viele Familien sind über diesen langen Zeitraum auch am Rand der finanziellen Mittel. Es waren sehr emotionale Beratungen, weil viele Eltern teilweise einfach nicht mehr konnten. Zudem sind vielen Familien aus technischen Gründen nicht in der Lage am Home Schooling teilzunehmen, viele Schulen konnten diese Schüler daher nicht am Unterricht beteiligen.”

    Forderung nach mehr Tests in Behinderteneinrichtungen 

    Rückmeldungen erhielt die Arbeitsgruppe auch bezüglich der Ausstattung privatere Pflegepersonen. Diese kamen ebenfalls bei den Überlegungen zu kurz. Hier stellte die Arbeitsgruppe klar: Menschen, die mehrere Pflegepersonen betreuen, sollten auch zu den Periodisierten bei den Corona-Impfungen zählen. Es sei ein Anliegen von vielen, dass sie sich als Privatpflegende in Bezug zu Pflegediensten und -einrichtungen nicht gleichgestellt gefühlt haben. Für die privaten Pflegepersonen werde auch weder von einer regelmäßigen Testung als auch von Schutzeinrichtungen für diese gesprochen.

    Ein weiteres Problem mit Blick auf den Lockdown und die damit verbundenen Maßnahmen gab es im Bereich der Demenz. „Viele Angehörige hat auch bewegt dass sie ihre zu Pflegenden nicht mehr besuchen konnten. Gerade im Bereich Demenz gab es hierbei viele Rückschläge, so ist es immer wieder vorgekommen, dass am Ende des Lockdowns an Demenz erkrankte Mütter ihre Kinder nicht mehr erkannt haben”, ergänze Petra Doering. „Das ist eine hohe psychische und emotionale Belastung für alle Beteiligten, die noch oben drauf kommt und für die Zukunft berücksichtig werden muss. Denn eine Behinderung zu haben heißt nicht gleich krank zu sein.”

    Petra Brandt vom Lampertheimer Behindertenbeirat erläuterte, dass „sich die Situation zwar gebessert hat, aber es im neuen Lockdown ein neues Problem gibt: In Alten- und Pflegeheimen werden ohne Probleme Schnelltests durchgeführt und diese werden gut angenommen, aber leider werden auch hier Behindertenwohnheime und Behindertenwerkstätten vergessen. Dort werden die Tests kaum umgesetzt, auch weil hier vor allem Pädagogen und Erzieher arbeiten, die keine medizinische Ausbildung haben und für entsprechende Tests erst angelernt werden müssen.

    Viele Behindertenwerkstätten haben darüber hinaus die Löhne ihrer Mitarbeiter um bis zu 50 Prozent gekürzt. Die Mitarbeiter verdienen im Durchschnitt circa 200 Euro, je nach Leistung. Wenn hiervon die Hälfte gekürzt wird, ist das für diese Menschen eine Katastrophe. Es gibt Einrichtungen, die voll weiterzahlen, aber eben nicht alle” sieht Petra Brandt auch in diesem Bereich großen Handlungsbedarf. 

    Michael Helbig, Bürgermeister von Lindenfels, betonte abschließend, dass „Lobbyarbeit für behinderte Menschen wichtig ist, gerade auch für Kinder und Jugendliche. Ich stelle fest, dass das Thema Inklusion heute deutlich mehr wahrgenommen wie vor 20 Jahren. Es ist noch lange nicht perfekt, aber wir sind auf einem gutem Weg.” Benjamin Kloos

     
    Anzeige Online StellenmarktAnzeige dkge 1x1Anzeige dkge 2x2
    Anzeige TicketshopAnzeige NK Worms und RheinhessenAnzeige 3 Anzeige - 1