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  • Do., 10. November 2022, 12:19 Uhr
    REICHSPOGROMNACHT: Mit der Übernahme von Verantwortung eine Wiederholung der Ereignisse verhindern

    „Es ist ein Moment des Innehaltens und Erinnerns“

    Gottfried Störmer, Franz Korb und Marius Gunkel (DGB) (v. r.) hielten vor der Gedenktafel inne. Foto: Nadine Schütz


    LAMPERTHEIM – In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden deutschlandweit Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Wohnhäuser zerstört. Auch die jüdische Gemeinde in Lampertheim blieb vor den Attentaten nicht verschont. Im Gedenken an dieses Ereignis, luden Bürgermeister Gottfried Störmer, Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb sowie der Ortsverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am vergangenen Mittwochabend zur Gedenkstunde am ehemaligen Standort der jüdischen Synagoge ein.

    „Es ist ein Moment des Innehaltens und Erinnerns, aber auch eine Warnung an uns selbst, dass wir uns weiterhin unserer Verantwortung bewusst sind“, begrüßte Störmer die zahlreich erschienenen Bürgerinnen und Bürger.

    Er ließ Revue passieren: Ein Attentat eines polnischen Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris hätten die Nationalsozialisten zum Anlass genommen – aufgerufen durch den Propagandaminister Joseph Goebbels – „Aktionen“ gegen die jüdischen Mitbürger vorzunehmen. Diese terroristischen Aktionen seien von Parteimitgliedern der NSDAP und der SA und von den deutschen Behörden durchgeführt worden. Aber auch nicht organisierte Bürgerinnen und Bürger hätten an den Ausschreitungen teilgenommen.

    Deshalb ist es umso bedeutender“, so Störmer, „dass wir den schrecklichen Ereignissen gedenken. Das Erinnern hilft dabei, unserer Verantwortung als Nachfolgegeneration gerecht zu werden und mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich solche Ereignisse wiederholen.“

    Störmer ließ in seiner Ansprache über den Tellerrand hinausblicken: „Derzeit spüren wir alle eine Zwangssituation, die sich darin äußert, dass uns viele Grundlagen unseres angenehmen Lebens wegbrechen.“ Damit bezog er sich auf den Krieg in Europa und die hier spürbaren Folgen: das Kümmern um Geflüchtete, die gestiegenen Kosten „bis hin zur aktuellen Debatte in unserer Kommune über die Anhebung von Steuern.“ Ein deutliches Murren in der Gesellschaft und das Schimpfen auf die staatliche Führung sei zu vernehmen. „Doch möchte ich gerne darauf hinweisen,“ so das Stadtoberhaupt, „dass bislang alle Krisen ohne großen Schaden beim Einzelnen gemeistert wurden. Ich bin sicher, dass wir auch durch diese Krisen gehen werden. Wir werden daraus gestärkt herauskommen, wenn es uns gelingt in unserer Gesellschaft geeint zu bleiben und uns nicht spalten zu lassen.“

    Im Redebeitrag des Geschichtsorientierungskurses der E1 des Lessig-Gymnasiums Lampertheim (LGL) versetzten die Schülerinnen und Schüler die Zuhörerschaft in das Denken der jahrelang von staatlicher Propaganda beeinflussten Bevölkerung. Am Beispiel eines Textes für den Deutschunterricht in Grundschulen verdeutlichten sie, wie sehr sich Antisemitismus in den Köpfen verankerte und noch bis heute seine Auswirkungen zeigt. „Deswegen müssen wir uns erinnern, denn es ist nicht vorbei“, brachten es Natascha Dell und Laura Diehl stellvertretend für ihren Kurs auf den Punkt.

    Die Schülerinnen Natascha Dell und Laura Diehl machten auf die Gefahren des Vergessens aufmerksam. Foto: Nadine Schütz


    Ausdrucksstark untermalt wurde der Redebeitrag durch anschließende szenische Darstellungen des Deutschleistungskurses Q1. Mit rezitierten Gedichten von Kurt Mezei, Nelly Sachs, Mascha Kaléko, Selma Meerbaum-Eisinger, Paul Celan aber auch selbst verfassten Werken wurden die Zuhörenden auf eine Gedankenreise mitgenommen. Auf eine Leinwand projizierte Bilder, akustische Effekte, Wort-Einwürfe und im Wechsel gelesene Passagen ließen die Beiträge lebendig wirken.

    In einem Nachruf gedachten die Schülerinnen und Schüler der kürzlich verstorbenen Mevlüde Genç und setzten damit ein Zeichen. Mit ihrer Aussage gibt die Überlebende des Brandanschlages in Solingen 1993 damals wie heute Anlass zum Nachdenken: „Obwohl ich fünf Kinder und mein Zuhause verloren habe, bezeuge ich trotzdem Zuneigung. Wir sind alle Brüder. Das lässt sich auch durch Verbrennen und Kaputtmachen nicht verhindern.“

    Mika Willwohl, Mitglied der Schülervertretung des LGL, bestätigte die enorme Wichtigkeit des Erinnerns. „Ohne Erinnerung zu leben, bedeutet, ohne Idendität zu leben.“ Schule sei ein Ort an dem Idenditäten zusammenkämen – kulturelle und religiöse. Diese gelte es zu bedenken, wenn man die Zukunft gestalten möchte. „Das Leben in Sicherheit und Würde steht über allem“, war sein Credo.

    In Störmers abschließenden Worten lagen Appell aber auch Zuversicht. „In Deutschland haben heute Jüdinnen und Juden wieder ihre Heimat gefunden“, erläuterte er. „Dass niemand mehr, keine Jüdinnen und Juden, keine Andersgläubigen und niemand mit erkennbarem Migrationshintergrund sich in diesem Land um sein Wohlergehen fürchten muss, diesen Auftrag zu erfüllen, sollte stets die Grundlage für unser Handeln sein.“

    Nadine Schütz

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