Mo., 09. Februar 2015, 10:17 Uhr
DGB Lampertheim-Bürstadt: Arbeitsmarkt im Kreis Bergstraße im Fokus
„Fast jeder vierte Vollzeitbeschäftigte arbeitet im Niedriglohnsektor“
LAMPERTHEIM - Der Arbeitsmarkt im Kreis Bergstraße stand im Mittelpunkt der jüngsten Sitzung des DGB-Ortsverbands Lampertheim-Bürstadt. DGB-Regionssekretär Horst Raupp (Darmstadt) gab einen aktuellen Überblick über die Entwicklung. Raupp betonte: „Es gibt zwar einen Zuwachs an Beschäftigung, aber ein Großteil der neuen Arbeitsplätze ist miserabel bezahlt oder befristet. Das trifft vor allem die junge Generation. Von den jungen Menschen unter 27 haben die meisten noch nie einen unbefristeten Arbeitsvertrag gesehen“. Der DGB und die Gewerkschaften wollen sich deshalb verstärkt für eine Verbesserung der Zukunftschancen vor allem der jungen Generation einsetzen.
Nach einer Arbeitsmarktstudie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind im Kreis Bergstraße vor allem atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeit, Leiharbeit, Werkverträge und Minijobs massiv auf dem Vormarsch. Der Anteil atypischer Beschäftigung gemessen an allen Beschäftigungsverhältnissen hat sich in den letzten zehn Jahren von 37,5 Prozent auf 48,7 Prozent erhöht. „Das heißt, fast jeder zweite Arbeitnehmer im Landkreis arbeitet in atypischen Arbeitsverhältnissen. Bei den Frauen liegt dieser Anteil sogar bei 67,2 Prozent“, so Raupp. Rückläufig ist hingegen die Zahl der gewerblichen Arbeitsplätze und der Vollzeitstellen im Kreis. In den letzten zehn Jahren gingen an der Bergstraße fast dreitausend Vollzeitarbeitsplätze verloren. Massiv gestiegen ist hingegen die Zahl der Teilzeitbeschäftigten und vor allem der Minijobs. Auch der Niedriglohnbereich wächst: „Inzwischen arbeitet fast jeder vierte Vollzeitbeschäftigte im Kreis Bergstraße zu Löhnen unterhalb der westdeutschen Niedriglohnschwelle von 1.890 Euro brutto, fast viertausend Vollzeitbeschäftigte bekommen weniger als 1.500 Euro brutto“. Im Kreis Bergstraße gibt es rund 1.400 Leiharbeiter/innen sowie 2.838 „Aufstocker“, also erwerbstätige Hartz IV-Bezieher/innen, deren Arbeitseinkommen so niedrig ist, dass die ergänzend öffentliche Leistungen beantragen müssen.
Nach Auffassung von Raupp werden viele der Beschäftigten im Niedriglohnbereich von der Einführung des Mindestlohns profitieren, „wenn der Mindestlohn konsequent und flächendeckend umgesetzt wird“. Nach Auffassung des DGB müssen zudem der Kreis Bergstraße und das Kommunale Jobcenter weit stärker darauf achten, welche Löhne in den Unternehmen gezahlt werden, an die Arbeitslose vermittelt werden: „Es macht keinen Sinn, Arbeitssuchende in Billigjobs zu vermitteln und dann die Löhne aufzustocken. Es ist schließlich nicht Aufgabe der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, Armutslöhne und später Armutsrenten aufzufüllen und damit die Profite von Lohndrückern zu subventionieren, die sich durch Lohndumping eine goldene Nase verdienen“. Allein im letzten Jahr wurden in Deutschland weit mehr als zehn Milliarden Euro aufgewendet, um Niedriglöhne aufstocken. „Diesem Missbrauch von Hartz IV durch die Unternehmer muss endlich ein wirksamer Riegel vorgeschoben werden“.
DGB-Ortsverbandsvorsitzender Michael Dörr und DGB-Regionssekretär Horst Raupp machen deutlich: „Hungerlöhne und Armutsrenten sind eine Kampfansage an die arbeitenden Menschen. Ziel muss es sein, Ausbeutungsarbeitsverhältnisse und Billigjobs zurückzudrängen, gute Arbeit und anständige Löhne durchzusetzen und das Rentenniveau mindestens auf dem jetzigen Niveau zu stabilisieren. Sonst droht in Zukunft eine Welle von Altersarmut, die bis weit in die Mittelschicht hineinreicht. Deshalb muss jetzt gegengesteuert werden“. zg