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So., 12. November 2017, 14:07 Uhr
Stolpersteine in der Ernst-Ludwigstraße verlegt / Ernst Hirsch wohnt als Überlebender heute in den USA
Geistiges Stolpern als Erinnerung und gegen das Vergessen
Die frischen Rosen verwelken, die beschrifteten Messingplatten sollen ihre Botschaft dauerhaft mitteilen und die Vorübereilenden immer wieder zum Innehalten bringen. Foto: Benjamin Kloos
LAMPERTHEIM – Unfassbares Leid wurde den jüdischen Menschen im Dritten Reich angetan. Deshalb hat es sich Gunter Demnig zur Aufgabe gemacht mit seinem vor vielen Jahren ins Leben gerufene Künstlerprojekt immer wieder und in verschiedenen Ländern Europas ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen zu setzen, indem er vor dem letzten Wohnort der Opfer der NS-Zeit, Gedenktafeln aus Messing verlegt – mit deren Namen und ihrem Schicksal. Nach 2007, 2014, 2015 und 2016 verlegte der Künstler nun bereits zum fünften Mal Stolpertsteine in der Spargelstadt.
Vor dem ehemaligen Wohnsitz des jüdischen Bürgers Ferdinand Guggenheim in der Ernst-Ludwig-Straße 16 a versammelten sich am Freitag Nachmittag hierzu Vertreter aus Politik und Gesellschaft, um an die Opfer des Nationalsozialismus, die hier inmitten Lampertheims einmal zuhause waren, zu erinnern.
Vier Steine wurden verlegt, als Gedenken an vier Menschen, die das Haus gegen ihren Willen verlassen mussten: Ferdinand Guggenheim, seit 1899 in der Ernst-Ludwig-Straße 16 a wohnhaft, seine Tochter Liesa Lina Kirchheimer, deren Mann Friedrich Kirchheimer und deren Sohn Ernst Simon Kirchheimer.
Ferdinand Guggenheim, dessen Frau Frieda 1929 verstorben war, wurde im Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich deportiert – und überlebte. Später wohnte er in Metz, wo er am 2. August 1952 verstarb. Friedrich Kirchheimer heiratete am 29.4.1926 Liena Lisa Guggenheim. Gemeinsam mit ihr wurde er zunächst nach Gurs deportiert und von dort in ein Internierungslager gebracht. Am 11. August 1942 wurden er uns seine Familie schließlich mit einem Transport nach Auschwitz verschleppt. Als Todesdatum in der Gaskammer gilt der 31. August 1942.
Zunächst ungeklärt war das Schicksal des am 13. Januar 1932 geborenen Ernst Simon Kirchheimer, Enkel von Ferdinand Guggenheim und Sohn von Friedrich und Liesa Lina Kirchheimer. Dieses offenbarte sich erst, als er sich 2014 mit einer E-Mail an die Stadt Lampertheim wendete. So wurde er mithilfe des französischen Kinderhilfswerks OSE in die sichere Schweiz gebracht werden konnte. Heute ist er 85 Jahre alt, heißt aufgrund einer Adoption Ernst Hirsch und lebt in den USA. „Wir konnten mit Ernst Hirsch telefonieren. Er ist begeistert, dass solch eine Aktion des Erinnerns vor dem Haus seines Großvaters durchgeführt wird. Leider kann er heute nicht persönlich hier sein, wir werden ihm aber ausführlich von dem heutigen Tag berichten”, so Bürgermeister Gottfried Störmer. Künstler Gunter Demnig verlegte am Freitag vier Stolpersteine als Erinnerung an vier ehemalige jüdische Bürger Lampertheims – denn Anstoß hierzu hatte Familie Arndt gegeben, die der Aktion interessiert beiwohnte. Foto: Benjamin Kloos
„Wir möchten mit den Stolpersteinen die Möglichkeit des Erinnerns und des geistigen Stolperns geben”, betonte Bürgermeister Störmer, der hervorhob, dass der Anstoß für die Verlegung der Steine erstmals von den Hausbesitzern, in denen die von den Nazis unterdrückten Opfer lebten, kam. „Mittlerweile hat Familie Arndt das Haus zwar verkauft, aber mit der Auflage für den Käufer, dass diese Steine verlegt werden dürfen. Diese vier neuen Stolpersteine sind eine Aufforderung, sich zu erinnern, dass hier einmal Menschen gelebt haben, die unter einem menschenverachtenden Regime gelitten haben. Heute bedauern wir zutiefst, dass dies so geschehen ist. Gleichzeitig müssen wir die Zukunft so gestalten, dass dies nie wieder passieren kann und wird.”
„Wir wollen nicht schweigend gehen und auch die Menschen sollen nicht einfach an diesem Haus vorbeigehen, sondern sich erinnern. Denn schnell kann auch heute noch wie damals aus Unzufriedenheit eine Mehrheit entstehen, wir dürfen nicht schweigend daneben stehen”, erläuterte Andrea Arndt die Beweggründe ihrer Familie, mit diesem Anliegen auf die Stadt zugegangen zu sein. Gleichzeitig rief sie zu „Menschlichkeit und einem respektvollen Umgang miteinander” auf.
„Der Hintergrund der Stolpersteine ist kein Grund zur Freude, dennoch ist es ein positives Zeichen, dass immer wieder neue Steine hinzukommen, die an persönliche Schicksale erinnern. Es ist wichtig, dass der Wunsch zu neuen Stolpersteinen von den Kommunen kommt. So konnten wir in den vergangenen 25 Jahren über 63.000 Steine in 21 Ländern in Europa verlegen, die symbolisch an diese Zeit des Schreckens erinnern”, erläuterte Gunter Demnig sein Projekt, bevor Bürgermeister Gottfried Störer, der Erste Stadtrat Jens Klingler, Andrea Arndt und ihre Tochter Madeleine vier weiße Rosen als Erinnerung an die vier Menschen, an die die Stolpersteine erinnern, niederlegten. Benjamin Kloos