Do., 13. August 2015, 16:27 Uhr
Bündnis 90 / Die Grünen Ortsverband Lampertheim informierten sich vor Ort in Rosengarten
Grüne zu Gast bei Schmitt und seinen Jungs
LAMPERTHEIM – Nachdem in der lokalen politischen Diskussion das Thema Flüchtlinge meist unter den Überschriften Bebauungsplan, Grünstreifen, Unterkünfte, Kosten und Nachbarn diskutiert worden war, wollten die Aktiven des Ortverbandes Lampertheim der Grünen dem Thema mal Gesicht und Stimme geben und persönlich mit den tatsächlich Betroffenen in Kontakt kommen. Vorstandssprecher und Stadtrat Jürgen Meyer organisierte ein abendliches Treffen mit dem Ortsvorsteher Horst-Werner Schmitt und den von ihm unterstützen in Rosengarten untergebrachten Flüchtlingen.
Nach einer kleinen Radtour, bei der an den Blühstreifen im Bereich des Küblinger Dammes ein Zwischenstopp mit einem Vertreter der Angendagruppe eingelegt wurde, traf man sich am schwülheißen Abend mit Herrn Schmitt und seinen „Jungs“. In gemütlicher Runde am Waldrand hinter dem Haus, bei der die Bewohner Kaltgetränke anboten, gab Herr Schmitt zunächst einige Anekdoten zum Besten. Dabei wurde deutlich, dass die Betreuung von Flüchtlinge vor allem die Unterstützung in einem Alltag in Deutschland ist, der für hier aufgewachsene Menschen eben selbstverständlich ist. Dies fängt bei den drei Mülltonnen vor dem Haus an und endet nicht bei der Suche nach ärztlicher Hilfe am Wochenende. Auch beim Kontakt mit den Ämtern in Heppenheim und Gießen sei er oft behilflich, denn deren Mitarbeiter seinen wohl wegen der großen Zahl der Hilfesuchenden überfordert und entsprechend ungeduldig. Da bewirke seine Vermittlung manchmal kleine bürokratische Wunder.
Besonders stolz zeigte er sich darüber, dass es gelungen war, trotz komplizierter gesetzlicher Regelungen Aushilfsjobs für einzelne Bewohner bei Bauern zu organisieren, ein ausgebildeter Schneider konnte sogar in seinem Fach ein Praktikum mit Jobaussichten antreten. Als besonders originell beschrieben alle die sog. Residenzpflicht nach Ausländerrecht, die bewirkte, dass sie anfangs nicht ins in Sichtweite liegende Worms zum Einkaufen gehen durften, weil sie sich ab Mitte der Rheinbrücke strafbar gemacht hätten.
Der gelernte Schneider, ein etwa 50-jähriger gemütlich wirkender dunkelhäutiger Mann, so erzählte er selbst, habe in seiner Herkunftsstadt in Somalia ein gutgehendes Bekleidungsgeschäft gehabt. Dieses sei aber zerstört worden, er selbst mit dem Tode bedroht, sodass er schließlich flüchtete. Ein anderer junger Mann Mitte 20 war so frustriert über die fehlenden Angebote, Deutsch zu lernen, dass er gemeinsam mit einem Freund nun seit einigen Monaten auf eigene Kosten einen Deutschkurs in Worms besucht, wozu er mehr als ein Drittel seines monatlichen Geldes einsetzt. Tatsächlich konnte er sich mit den anwesenden Grünen meist gut in Deutsch verständigen, und nebenbei erfuhren diese auch, dass dies seine vierte Fremdsprache sei. Überhaupt war die Verständigung überraschend unkompliziert, denn die meisten Anwesenden konnten etwas Englisch, betätigten sich als Dolmetscher oder sprachen mit Händen und Füßen. Aber deutlich wurde, dass ohne flächendeckend organisierte Deutschkurse eine Eingliederung in die deutsche Gesellschaft und Kultur eben nur schwer möglich ist. Kreistagsmitglied und Stadtverordnete Carmen Kunze versprach, auf der zuständigen Kreiseben nachzuhaken, die Stadtverordneten Frank Hege und Dieter Strassner boten dazu auf der städtischen Ebene ebenfalls ihre Unterstützung an. Es kam die Idee auf, der Volkshochschule hierzu weitere Mittel zur Verfügung zu stellen.
Als größte Belastung beschrieben viele Betroffene, dass sich das Anerkennungsverfahren über ihren Aufenthaltsstatus trotz anderer Ankündigung so lange hinziehe. Einige würden bereits über ein Jahr auf den nächsten Verwaltungsschritt, zu dem sie dann nach Gießen reisen müssten warten, und dies verhindere natürlich jede persönliche Lebensplanung, da sie erst dann wüssten, ob sie bleiben dürften.
Da es langsam dunkel wurde, machten sich die Grünen wieder auf den Heimweg, nicht ohne sich für die gastfreundliche Bewirtung und das offene Gespräch zu bedanken. Zum Abschluss fragte der Vorsitzende des FaJuSeA Holger Steffan, ob denn einige Betroffene bereit wären, auch in öffentlicher Runde zu berichten und Rede und Antwort zu stehen, wozu mehrere der Somalier engagiert zusagten. Der nächste Schritt, nämlich auch in der Öffentlichkeit dem Thema Flüchtlinge Gesicht und Stimme zu geben, ist also schon in Planung. zg