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Fr., 07. August 2020, 10:06 Uhr
Appell an die Grundstückseigentümer: „Stimmt der Verschwenkung zu“
IG „Wir stehen unter Strom für Lampertheim“ in Alarmstimmung
Interessengemeinschaft „Wir stehen unter Strom für Lampertheim“ und Politik kämpfen gemeinsam für eine Verschwenkung oder Erdverkabelung der auf Höchstspannung hochgerüsteten zukünftigen Stromtrasse: Diana Taggeselle (von links), Artur Mähne, Andreas Ott (CDU), Dr. Karl-Wilhelm Klingler, Helmut Hummel (FDP), Helmut Rinkel (Grüne), Franz Korb (CDU), Dieter Strassner (Grüne), Marius Schmidt (SPD). Foto: Nowacki
LAMPERTHEIM – Alarmstimmung herrscht bei der IG „Wir stehen unter Strom für Lampertheim“(IG) und Lokalpolitikern in Bezug auf bekannt gewordene neue Pläne des Netzbetreibers Amprion für die geplante Ultranet-Leitung. Umso wichtiger ist der IG der Aufruf an die Lampertheimer, sich für den Protest stark zu machen, um die von den Trassenanwohnern und der Lokalpolitik einmütig geforderteVerschwenkung durchsetzen zu können. Für diese Verlegung der neuen Höchstspannungsleitung in größerem Abstand über die Felder sind allerdings etwa 150 Grundstückseigentümer zur Zustimmung gefragt. In einem ersten Schreiben hatten die Firma Amprion und die Stadt Lampertheim gemeinsam die Grundstückseigentümer informiert, kürzlich erreichte sie ein zweites Schreiben, diesmal allein von der Firma Amprion versandt, mit der Bitte einer „Nutzung“ zuzustimmen oder diese abzulehnen. Zwei Formulare und ein Freiumschlag waren zu diesem Zweck beigelegt. Ein Vorgehen, von dem die IG befürchtet, dass die Grundstückseigentümer damit allein nicht vielanfangen können. Auch sei in dem Schreiben nicht darüber informiert worden, dass für die Nutzung ein Entgelt gezahlt wird. Um Rechtssicherheit für eine Verschwenkung zu erhalten, wolle Amprion 75 Prozent zustimmende Antworten. Für die Zustimmung werben IG und Lokalpolitik und hoffen auf die Wirkung ihrer Argumente und Öffentlichkeitsarbeit. Gleich nach der Sommerpause wollen die Lokalpolitiker fraktionsübergreifend weiter mobil machen. Schon am 12. August wird sich die IG mit Bürgermeister Gottfried Störmer und weiteren Beteiligten zu einem Gespräch treffen. Am Mittwochabend hatte die IG Lokalpolitiker zu einer Pressekonferenz in die Geschäftsstelle Gesundheitsnetz der Ärzteschaft Lampertheim (GALA) eingeladen, um über den aktuellen Stand dieser „Besorgnis erregenden“ Entwicklung zu berichten und mit der Politik den engen Schulterschluss zu bekräftigen. Beim Blick aus den Fenstern in der Gaußstraße 25 ist klar: Der Himmel hängt voller Stromleitungen und Strommasten ragen in nächster Nähe auf. Noch sind es die niedrigeren Exemplare, doch die geplanten Höchstspannungsleitungen durch die Lampertheimer Gemarkung werden sehr viel höher und breiter ausladend gebaut, wenngleich weniger Masten benötigt werden. Würde die bisherige Trassenführung dafür genutzt, hätten viele Anwohner die Höchstspannung praktisch im Vorgarten. Die IG macht deutlich: Der in den Windparks der Nordsee erzeugte Strom wird gebraucht, doch soll der Transport nach Süddeutschland für die Gesundheit verträglich gestaltet werden. Was die IG wundert: In Bayern hat die Staatsregierung selbst für die bessere, weil gesundheitlich unbedenklichere Erdverkabelung gesorgt, in Hessen gibt es diese Unterstützung der betroffenen Anwohner und Kommunen durch die Landesregierung nicht. In Lampertheim würde die neue Höchstspannungsleitung ohne Verschwenkung sehr nahe an der Wohnbebauung entlang führen und zukünftige Neubaugebiete tangieren, die der Stadtentwicklung für mehr Wohnraum dienen sollen. Erste Informationen erreichten die Stadtverwaltung bereits vor fünf Jahren, die heiße Phase mit Informationsveranstaltungen von Amprion und der Bundesnetzagentur für die Bürger in den betroffenen Riedkommunen begann im vergangenen Jahr. Nun war auch klar, dass besonders die Lampertheimer Wohngebiete Rosenstock III und Guldenweg bis hin zur Gaußstraße von der Höchstspannungsübertragung betroffen wären. Mit Gesundheitsschäden ist nach allen bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu rechnen, damit würden auch die Pläne der Stadt Lampertheim für das Gleisdreieck, das Sportfeld an der Pestalozzischule und ein weiteres Neubaugebiet in Hofheim für die Stadtentwicklung großenteils zunichte gemacht. In der Pressekonferenz wies Dr. Karl-Wilhelm Klingler auf die Gefahren der Gleichstromtrasse für die Gesundheit hin, verursacht durch ein starkes Magnetfeld und oxidativen Stress für den Körper, der durch die Korona-Ionisation zur Bildung freier Radikaler führt. Studien gebe es für eine derartige Lage nicht. „Keine eindeutige Evidenzlage“, stellt der Arzt fest, der sich persönlich betroffen sieht und sich um Mitarbeiter und Patienten sorgt. Der Staat sei dem Vorsorgeprinzip verpflichtet, betont er. Diana Taggeselle ging auf die Frage der Wirtschaftlichkeit für Amprion bei einer Erdverkabelung ein – ein neues technisches „minimal invasives“ Verfahren unter Mitarbeit von Amprion stelle eine kostengünstige Lösung dar. „Ein Hoffnungsschimmer“ für Lampertheim, meint Taggeselle, aber erstaunlich, dass Amprion eine Erdverkabelung dennoch ablehne. Artur Mähne erläuterte die Planung von Amprion, die später eine Aufrüstung mit noch höheren Stromstärken ermöglichen könnte, nachdem ein neues Gesetz eine vereinfachte Änderung ohne weiteres Genehmigungsverfahren zulässt. Und das droht: Eine Doppeltrasse mit jeweils 380.000 Volt Wechselstrom und Gleichstrom mit Masten von mehr als 58 Metern Höhe in unmittelbarer Nähe des gesamten Ostens von Lampertheim. Der eindringliche Appell der IG an die Grundstückseigentümer: „Stimmt der Verschwenkung zu“. Von der Stadtverwaltung wünscht sich die IG, dass sie mit den Grundstückseigentümern Kontakt aufnimmt, um die Vorteile der Verschwenkung aufzuzeigen. Andreas Ott (CDU) wies in seinen Erläuterungen zu Trassenplanung darauf hin, dass die aktuell belegte Ackerfläche beim Abbau der beiden alten Trassen wieder frei werde. Gleichzeitig würde durch Verschwenkung der Starkstromtrassen der Abstandsregel des Landesentwicklungsplans 2017 entsprochen. Marius Schmidt (SPD) sprach im Namen aller 45 Stadtverordneten und aller Fraktionen und betonte abschließend: „Wir ziehen an einem Strang“. Das sei schon im vergangenen Jahr so gewesen wie auch bei der einstimmigen Stellungnahme zum Landesentwicklungsplan. Sein Appell an die Bürger: „Das geht jeden in Lampertheim an“. Hannelore Nowacki
Aussicht hinter der Gaußstraße auf Strommasten in nächster Nähe. Foto: Hannelore Nowacki