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Do., 13. November 2014, 18:04 Uhr
Junger Somali begegnet nach langer Flucht in Deutschland Behördenwillkür
Integration und ehrenamtliches Engagement wird mit Füßen getreten
Das Schreiben des Anstoßes: Ortsvorsteher Horst Werner Schmitt (3.v.l.) und Mohamed Hassan Guled (2.v.l.) präsentieren gemeinsam mit den anderen Flüchtlingen, die in Rosengarten eine Zuflucht gefunden haben, das Schreiben der Bundespolizei. Foto: Benjamin Kloos
ROSENGARTEN - Ein junger Mann aus Somalia flieht vor dem Bürgerkrieg in seinem Land, nimmt alleine die beschwerliche Reise nach Europa auf sich und lässt sich angesichts des drohenden Todes in seiner Heimat nicht von Gefängnisaufenthalten und teuren Passagen mittels Schleusern und Schmugglern abschrecken - nur, um in Deutschland auf eine nicht nachvollziehbare Behördenwillkür zu stoßen.
So geschehen in Rosengarten, wo sich Ortsvorsteher Horst Werner Schmitt mit großem Engagement gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen intensiv um die dort untergebrachten sechs Flüchtlinge kümmert. Am Mittwoch erhielt einer der jungen Männer, Mohamed Hassan Guled, ein Schreiben von der Bundespolizei. Dieser sei unberechtigt aus Italien über Österreich in die Bundesrepublik eingereist und hätte für den Rücktransport nach Österreich 230 Euro für die entstandenen Kosten wie Fahrt mit dem Polizeiauto, Dolmetscher und sogar eine Decke zahlen.
Was war passiert?
Mohamed Hassan Guled erläuterte im Gespräch mit dem TIP seine Geschichte und seine wahre Odyssee: Vor mehr als 1,5 Jahren hat er seine Heimat Somalia verlassen - keineswegs freiwillig, wie er versichert. Denn in Somalia herrscht Bürgerkrieg. Und so kamen eines Tages die Rebellen und forderten ihn auf, mit ihnen zu gehen und zu kämpfen - auch gegen seine eigene Familie - oder er würde erschossen. Auf Hilfe seitens der Regierung konnte er nicht hoffen, und so blieb ihm nur eines: Fliehen. So machte er sich auf über die Grenze nach Äthiopien und von dort aus in den Sudan. Hier wurde er aufgegriffen, nach Äthiopien zurückgebracht und nach einem dreimonatigen Gefängnisaufenthalt nach Somalia abgeschoben - wo er natürlich wieder nicht bleiben konnte. Also versuchte er es erneut, und dieses Mal hatte er mehr Glück. Über Äthiopien und durch die Sahara kämpfte er sich bis nach Libyen durch, wo er in einer kleinen Grenzstadt von einer dortigen Bürgerkriegspartei aufgegriffen und erneut ins Gefängnis gesteckt wurde. Nach einem Monat konnte das UNHCR ihn befreien und er landete in einem Schmugglerhaus, wo er für viel Geld zunächst bleiben und dann nach Italien weitergeschleust werden sollte. So kam er ins am Meer gelegene Tripolis und dort auf ein Boot - dieses wurde jedoch von der Küstenwache gestoppt und der junge Somali landete einmal mehr im Gefängnis. Sechs Monate später kam er frei und fand am Meer ein Boot, mit dem er nach Italien gelangen konnte. Sechs Tage war er auf dem Meer unterwegs, 109 Personen hatten sich an Bord des kleinen Schiffes gequetscht, es gab aufgrund der Enge keine Möglichkeit sich zu setzen. Vor der Küste Italiens schlug das Boot leck, ein Frachter bot an, sie nach Tunis mitzunehmen doch die italienische Küstenwache griff ein und brachte die Flüchtlinge nach Lampedusa. Insgesamt verbrachte der junge Somali 2,5 Monate in Italien, einmal am Tag gab es ein Essen von der Kirche. In Italien traf er einen weiteren Schleuser. Mit diesem handelte er aus, dass er ihn für 250 Euro nach Deutschland bringt, falls es nicht klappt, würde er sein Geld zurückbekommen. Der Preis für die Fahrt: 98 Euro, der Rest des Geldes ging an den Schleuser. In Deutschland angekommen, wurde er von der Polizei verhaftet und kam ins Gefängnis, allerdings „nur" für vier Stunden. Die Bundespolizei brachte ihn an die Grenze zu Österreich, von dort ging es mit dem Zug zurück nach Italien.
Mahnung ohne Rechnung?
Und eben für diese Maßnahme soll der junge Somali, der in Italien tatsächlich sein Geld zurückbekam und nach zwei Monaten mit dem gleichen Schleuser per Bahn - an den Grenzübergängen auf den Toiletten versteckt - nach Frankfurt gebracht wurde, jetzt 230 Euro zahlen. Geld, dass er erstens nicht hat und zweitens von den Beamten der Bundespolizei wenn überhaupt doch direkt nach der Fahrt an die Grenze hätte einbehalten werden müssen. Denn zu diesem Zeitpunkt konnten die Beamten nicht davon ausgehen, dass der junge Somali erneut nach Deutschland einreisen würde.
Über Gießen, wo er im Januar ankam, landete Mohamed Hassan Guled schließlich gemeinsam mit fünf anderen Flüchtlingen im Februar diesen Jahres in Rosengarten. Im August wurde er bei der Polizei vorgeladen, in Begleitung des rührigen Ortsvorstehers Schmitt erfuhr er, dass es eine bundesweite Fahndung nach ihm gab und dass diese nun erledigt sei. Im gleichen Zeitraum erhielt er angeblich eine Rechnung bezüglich des Betrages von 230 Euro über die „Zurücksendung", die laut dieser Rechnung, die dem TIP vorliegt, am 13. August öffentlich zugestellt wurde. Und das, obwohl im Schreiben sowohl zu lesen ist, dass Mohamed Hassan Guled erstens mittellos ist, zweitens die deutsche Sprache nicht beherrscht und drittens ohne festen Wohnsitz ist und somit sein Aufenthaltsort zum damaligen Zeitpunkt unbekannt war.
Nun folgte die Mahnung, abgesandt Mitte Oktober und erst am 12. November eingetroffen, so dass lediglich zwei Tage zur Bezahlung des Betrages bleiben - sonst droht, wie dem jungen Somali bereits leidvoll bekannt, erneut eine Haftstrafe.
Integration wird erschwert
Ortsvorsteher Schmitt zeigt sich ob der Behandlung der Flüchtlinge, „unserer Gäste" wie er sie gerne nennt, entsetzt. „Wir kämpfen gegen diese Strafe an. Unser Ziel ist eine Ratenzahlung von einem geringen Eurobetrag, denn wie soll jemand, der im Monat 329 Euro erhält, so viel auf einmal zahlen können? Solche Aktionen wie diese von der Bundespolizei machen nicht nur eine Integration schwieriger, sondern behindern auch den Einsatz der Ehrenamtlichen vor Ort, stoßen diese vor den Kopf."
Auch die anderen Flüchtlinge in Rosengarten wissen von Problemen mit den deutschen Behörden zu berichten. So sind einem jungen Somalier bei seiner Einreise die letzten 3.000 Euro, die dieser bei sich trug, genommen worden, ebenso wie 500 Euro eines anderen Flüchtlings. Beide unterschieben, ohne zu verstehen um was es geht, dass dieses Geld sozialen Zwecken zur Verfügung gestellt wird.
Und: Eigentlich dürfen die Flüchtlinge bis zur Anerkennung ihres Antrages weder arbeiten, noch die deutsche Sprache lernen oder sich sonst gesellschaftlich betätigen. Auch dies ist keineswegs der Integration zuträglich. Die jungen Somali in Rosengarten sind - wie die anderen Flüchtlinge im Ried auch - gewillt, sich hier zu integrieren, Deutsch zu lernen und sich für die Gesellschaft einzubringen. Schließlich haben sie ihre Heimat nicht aus freien Stücken, sondern aus der Not heraus hinter sich gelassen. Und sie sind dankbar für die Unterstützung, die ihnen zuteil wird, durch Ortsvorsteher Schmitt, die Kirche, den Fußballverein Waldesruh, bei dem zwei Somali trainieren und den vielen anderen Helfern auch.
Natürlich sind es viele, wenn nicht zu viele Flüchtlinge, die derzeit schlagartig nach Europa und Deutschland kommen, die die Länder und Kommunen vor kaum zu bewältigende Herausforderungen stellt. Doch eines sollte allen, auch gerade den Behörden bei deren Handeln klar sein: Immerhin handelt es sich hier um Menschen, die Not leiden und Hilfe benötigen. Benjamin Kloos