Die Gratiszeitung für Lampertheim und das hessische Ried
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Ist das Wort ein flüchtiges Nichts, das schnell verklingt?
Mo., 18. November 2019, 08:39 Uhr
„Lesen mit Herz“ – Lyrikgruppe beeindruckte das Publikum „Wortgewaltig“
Ist das Wort ein flüchtiges Nichts, das schnell verklingt?
Die Lyrikgruppe „Lesen mit Herz“ mit ihrem Maskottchen, dem lesenden Menschen aus Pappmaché. Die Organisatoren Johanna Tausch, Helmut Kaupe, Rita Lausecker, Siegfried Gebhardt, Monika Barmann, Christa Kilian und Gabi Winkler gestalteten unter dem Motto „Wortgewaltig“ einen unterhaltsamen Abend. Foto: Hannelore Nowacki
BÜRSTADT – „Wortgewaltig“ war das übergreifende Thema des Novemberabends, nachdem die Gruppe „Lesen mit Herz“ die Besucher ihrer Lesung im Sommer im Pfarrgarten von St. Peter mit dem Thema „Glück ist …“ beglückt hatte. Zweimal im Jahr lädt die Lyrikgruppe interessierte Menschen bei freiem Eintritt ein, zu hören und zu erleben, was sie im riesigen Schatz der lyrischen Werke und Liedtexte zu einem selbst gestellten Thema entdeckt haben. Diesmal war es das sechste Mal, außerdem zu einem besonderen Anlass: Die Katholische öffentliche Bücherei in den Räumen der Pfarrei St. Michael feiert ihr 10-jähriges Jubiläum und das ehrenamtlich tätige Büchereiteam war Gastgeber mit einem kleinen Jubiläumsprogramm. Zu Gast war Josef Staudinger, Leiter der Büchereifachstelle beim Bistum Mainz, der in seiner Rede vom Lesen als einer Kulturfähigkeit sprach, die wir heute lebendig halten müssen. Auch Pfarrer Peter Kern, Hausherr im Pfarrzentrum, war unter den Zuhörern. Im schön dekorierten Foyer waren für die gemütliche Pause Stehtische aufgestellt, Kerzen leuchteten und der Duft von herzhaftem Knuspergebäck lag in der Luft. Überall waren Bücher, ansprechend zum Kauf gegen eine Spende ausgelegt und gestapelt, inspirierend bereits beim Stöbern. In der Pause zwischen den beiden Teilen der Lyriklesung gab es reichlichGesprächsstoff, wie die lebhafte Lautkulisse bezeugte. Die Stuhlreihen im Gemeindesaal waren voll besetzt. Die Gruppe „Lesen mit Herz“ hat eine beachtliche Fangemeinde – und das von Beginn an. Helmut Kaupe leitete als Moderator das Publikum heiter und unterhaltsam durch den Abend und versorgte die Zuhörenden mit vorbereitenden Informationen. Den Herzenswunsch der Gruppe sprach Kaupe aus: „Am schönsten wäre es für uns, wenn Sie auf dem Heimweg sagen könnten: So wortgewaltig hatte ich mir diesen Abend nicht vorgestellt“. Den wortgewaltigen Einstieg in den Abend lieferte Kaupe mit einem Zitat aus dem Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“. Bewusst daran anknüpfend habe sich die Gruppe für das Gedicht „Was ist das Wort?“ von Edwin Bormann entschieden, sanft gesprochen von Christa Kilian. Ist das Wort „ein flüchtig‘ Nichts, das schnell verklingt“, fragt der Dichter. Seine Erkenntnis: „Sprichst du es zur rechten Stunde, in tausend Tagen lebt es fort“. Ernst und lustig, tiefschürfend und unsinnig – das alles kann Lyrik sein, wie dieser Abend eindrucksvoll zeigte. Goethe und Schiller kamen zu Wort, Wilhelm Busch, Morgenstern, Eugen Roth, Erhard Bellermann, Heinz Erhard, Erich Fried, Tim Bendzko und viele andere. Im Gedicht „Des Un’Sinn“ von Kathrin Bärbock trifft sich eine Selbsthilfegruppe zur wöchentlichen Buchstabensuppe. „Bei ‚un‘ beginnt es Sinn zu machen“, las Gabi Winkler vor. Überraschendes hörte das Publikum von Joachim Ringelnatz in seinem „Gedicht in Bi-Sprache“, das Johanna Tausch zungenfertig vortrug. Die Frauenschola von St. Michael begeisterte die Zuhörer mit dem Lied von Reinhard Mey „Der unendliche Tango der deutschen Rechtschreibung“, instrumental begleitet von Gregor Winkler am Akkordeon und Johanna Tausch an der Violine. „Sage nein“ war die gesangliche Stellungnahme der Lyrikgruppe im Stehen am Schluss mit Blick auf menschenfeindliche politische Strömungen. Hannelore Nowacki