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Di., 19. Juli 2016, 09:05 Uhr
Auflösung der Notunterkunft in Viernheim – Flüchtlinge in der Chemiestraße
Landrat Engelhardt informierte politische Gremien über Flüchtlingsunterbringung
Landrat Christian Engelhardt informierte die Zuhörer im Detail über die Unterbringung der Flüchtlinge in der Chemiestraße und beantwortete Fragen. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – „Wir sind eine Region der Welt, die von Krisenherden umgeben ist“, sagte Landrat Christian Engelhardt seinen Zuhörern, die auf seine Einladung gekommen waren, um zu sehen, wo die demnächst ankommenden Flüchtlinge aus Viernheim untergebracht werden. Nicht die Stadt Lampertheim ist für die Unterbringung zuständig, der Kreis kommt für die Kosten von Anmietung und Erstausstattung auf. „Man weiß nie, wie sich die Zukunft entwickelt“, gab Engelhardt am Samstagmorgen bei dieser Informationsveranstaltung mit Erkundung vor Ort in der Chemiestraße zu bedenken, nichts sei planbar. Mit der Anmietung dieser Immobilie verschaffe sich der Kreis Luft zum Agieren. Demnächst werde die Notunterkunft in Viernheim aufgelöst, die dort noch untergebrachten Menschen werden auf andere Orte verteilt. 39 Flüchtlinge werden nach Hüttenfeld kommen, etwa achtzig Flüchtlinge werden die Unterkunft in der Chemiestraße beziehen, die für höchstens 111 Personen gedacht sei. Wurden dem Kreis Bergstraße Anfang des Jahres noch 150 Flüchtlinge in der Woche zugewiesen, sind die Zahlen jetzt auf zehn Flüchtlinge in der Woche gesunken, teilte Landrat Engelhardt den Zuhörern mit. Zur Informationsveranstaltung hatte er Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass und die Fraktionsvorsitzenden, den Sozialausschuss, den Magistrat der Stadt Lampertheim und Bürgermeister Gottfried Störmer, Ersten Stadtrat Jens Klingler und Fachbereiche zusammen mit ehrenamtlichen Helfern aus dem Koordinationskreis für die Flüchtlingshilfe mit deren Sprecher Kurt Stass eingeladen. Erste Kreisbeigeordnete Diana Stolz habe ihn in den letzten Wochen bei der Flüchtlingsarbeit unterstützt. Große Anerkennung zollte der Landrat dem ehemaligen Ersten Kreisbeigeordneten Matthias Schimpf, der sich jede Woche erneut von morgens bis abends um die Flüchtlingsunterbringung gekümmert habe und schließlich auf dieses insgesamt 16.000 Quadratmeter große Grundstück gestoßen sei, das der Kreis komplett für zehn Jahre angemietet habe. 1.700 Quadratmeter betrage die Nettogeschossfläche. „Wir standen mit dem Rücken zur Wand“, erklärte Erika Bartonitz, Abteilungsleiterin im Amt für Soziales, diese Immobilie sei für den Kreis wie ein Sechser im Lotto. Das Geschäftsmodell, das mit dem ebenfalls anwesenden Investor Werner Gutperle realisiert wurde, bringe allen Beteiligten Vorteile, bekräftigte Engelhardt. Der Kreis Bergstraße müsse nicht mehr notfallmäßig nach Wohnungen suchen, schon lange seien keine anmietbaren Wohnungen im Kreis vorhanden. Auch sei diese Lösung günstiger als die Zahlung von Tagessätzen. Der Investor habe Planungssicherheit und der Kreis müsse sich nicht um die Erstausstattung und eventuell notwendige Ersatzbeschaffungen oder Reparaturen kümmern und dafür Geld ausgeben – das alles sei mit dem Mietpreis abgegolten. In den ehemaligen Büroräumen werden sich jeweils vier oder zwei Flüchtlinge ein Zimmer teilen – je nach Belegung stehen zwei oder vier Stühle am Tisch, pro Person steht ein Bett mit Metallrahmen, Metallrost und Matratze zur Verfügung, Fächer in einem Schrank oder Spind sowie ein oder zwei Kühlschränke je Zimmer. Die Gemeinschaftsküchen pro Stockwerk sind mit vier Kochherden, Dunstabzugshauben und Spülen ausgestattet. „Es ist immer noch eine Notsituation“, machte Landrat Engelhardt deutlich. Nicht mehr als 111 Plätze seien vorgesehen. Projektleiter Michael Tekath führte die Besucher durch die beiden aktuell zur Verfügung stehenden Gebäude, wobei nur ein ehemaliges Bürogebäude als Gemeinschaftsunterkunft bewohnt wird. Frauen mit Kindern und Männer werden getrennt in zwei Etagen untergebracht. Im Untergeschoss stehen, ebenfalls getrennt für Männer und Frauen, Duschen und Toiletten sowie Waschmaschinen und Trockner zur Verfügung. Ein Hausmeister wird ständig vor Ort sein, bis zur fünf Hausmeister können bei Bedarf eingesetzt werden, von denen einer zwölf Sprachen sprechen soll. Landrat Engelhardt betonte, dass die Flüchtlinge selbst einkaufen und kochen werden, auch die Reinigung liege in ihrer Verantwortung. Das zweite Gebäude wird zur Lagerung der Feldbetten und weiteren Gegenständen aus den aufgelösten Notunterkünften benötigt. Weitere Räume könnten beispielsweise zur Begegnung, für Sprachunterricht, für eine Fahrradwerkstatt und die Kinder zum Spielen genutzt werden. Angesichts des Platzangebotes kamen den Expertinnen aus dem Heppenheimer Sozialamt einige Ideen in den Sinn. Stadtrat Jürgen Meyer, beim Sozialamt im Flüchtlingsamt fest angestellt, wird zukünftig Ansprechpartner vor Ort sein. Wie menschenwürdig ist die Unterbringung im Gewerbegebiet? Auf die Bedenken eines Helfers beschrieb Landrat Engelhardt die Bedingungen in der bisherigen Notunterkunft in einer Gewerbehalle mit zurzeit noch 400 Feldbetten, mit Folien behängten Bauzäunen, die Bereiche für jeweils fünfzig Menschen abtrennen. Auf Nachfrage stellte Engelhardt klar, dass für ihn die „wirtschaftliche Entwicklung in Lampertheim Priorität“ habe, Firmen könnten sich bei Bedarf entwickeln. Allerdings habe das Hessische Wirtschaftsministerium die Nutzung von Gebäuden für die Flüchtlingsunterbringung in Gewerbegebieten ausdrücklich zugelassen und der Bundesgesetzgeber habe dazu ein Gesetz gemacht. Rechtlich handele es sich um eine „Sozialimmobilie“. Sachgebietsleiterin im Flüchtlingswesen Inge Köbel teilte mit, dass alle Flüchtlinge registriert und interviewt seien. SPD-Fraktionsvorsitzender Marius Schmidt machte dem Kreis das Angebot, mit einem Sportprojekt zu helfen. Sobald in dieser Woche die Feuertreppen eingebaut sind, können die Flüchtlinge einziehen. Hannelore Nowacki
In der Gemeinschaftsunterkunft teilen sich je nach Raumgröße vier oder zwei Flüchtlinge ein Zimmer. Foto: Hannelore Nowacki