
LAMPERTHEIM. 75 Jahre Stadtrechte – eine Zahl, die zunächst nach Geschichte klingt. Nach einem Datum, einer Urkunde und einem Beschluss aus dem Jahr 1951. Beim jüngsten Treffen der Lômbadda Babbler im Luthersaal der Martin-Luther-Gemeinde wurde jedoch schnell deutlich: Hinter diesen 75 Jahren stecken vor allem Menschen, Erinnerungen und ganz persönliche Geschichten. Unter dem Motto „75 Jahre Stadtrechte – Geschichten, die Lampertheim lebendig machen“ begaben sich die Babbler auf eine ganz besondere Zeitreise. Es wurde erzählt, gelacht, gestaunt und so manche Erinnerung an eine längst vergangene Zeit wieder zum Leben erweckt. Und mittendrin natürlich die „Lômbadder Muddasprooch“. Denn bei den „Lômbadda Babblern“ gilt: Mundart ist nicht einfach nur eine Sprache. Mundart ist Heimat, Erinnerung und ein Stück Identität. Manchmal ist sie eben auch „e bissl Heimat im Herzen. „Owwerbabbler“ Kalle Horstfeld führte gewohnt herzlich durch den Abend und machte gleich zu Beginn deutlich, worum es bei den Babblern geht: Eine Stadt bestehe nicht nur aus Jahreszahlen und historischen Daten, sondern vor allem aus den Menschen, die mit ihr ihre ganz persönlichen Geschichten verbinden. Für die musikalische Begleitung am Klavier sorgte Matthias Karb, der dem Abend immer wieder eine besondere Atmosphäre verlieh.
„Was wäre Lômbadde ohne Bäschdadd?“
Den Auftakt machte Armin Herweck. Mit seiner Frage „Was wäre Lômbadde ohne Bäschdadd?“ hatte er die Lacher schnell auf seiner Seite. Herweck nahm die Besucher mit in seine Kindheit im „Bäschdadd“ der 1970er-Jahre. Alte Geschäfte in der Peterstroß wurden wieder lebendig, Begriffe wie „Briewel“ und „Broggelboahne“ tauchten aus den Tiefen der Erinnerung auf. Bei manchem Besucher dürfte dabei ein spontanes „Ei, des kenn ich doch!“ aufgekommen sein. Genau darin liegt der besondere Zauber der Babbler-Abende: Einer erzählt seine Geschichte – und plötzlich erinnern sich viele an ihre eigene. Auch Erika Krämer blickte auf das Jahr 1951 zurück. Ihr persönliches Verhältnis zu Lampertheim brachte sie mit einem Satz auf den Punkt:„Lômbadde is de Nabel vun de Welt.“ Ihre Erinnerungen an die Stadtwerdung waren geprägt von Stolz und Heimatgefühl. Aus dem benachbarten Hofheim brachte Peter Schneider ebenfalls seine Sicht auf Lampertheim mit. Sein Urteil über die Menschen der Stadt: „Herzlichkeit schreibt man hier noch groß!“ Natürlich durfte dabei ein kleiner Seitenhieb in Richtung Nachbarschaft nicht fehlen. Schneider gratulierte Lampertheim auf seine ganz eigene Weise: „Du goldisch Perlsche vum Hessenland, fer doi Wertschafte biste bestens bekannt!“
Wenn Lômbadder Sprooch wie Chinesisch klingt
Anschließend nahm sich Lothar Lauseker der Lômbadder Sprache an. Dass diese für Außenstehende nicht immer einfach zu verstehen ist, wissen Einheimische spätestens dann, wenn ein Auswärtiger versucht, einem Gespräch unter echten Lômbaddern zu folgen. Ein Besucher aus Hannover soll die „Lômbadder Sprooch“ einmal mit den Worten beschrieben haben: „Die iss garnit afach, klingt bissl wie chinesisch.“ Lothar Lauseker ließ anschließend die 1950er-Jahre Revue passieren. Der Dollar kostete damals noch 4,20 Mark und die Welt sah noch ganz anders aus. Für Lampertheim aber ging es aufwärts.
„Lômbadde war kein Dorf mehr, es ging aufwärts!“
Helmut Hummel konnte sich noch sehr genau an die Zeit rund um die Stadtwerdung erinnern. Als Zehnjähriger erlebte er 1951 mit, wie Lampertheim einen eigenen Poststempel bekam. Seine Schlussfolgerung war eindeutig:„Lômbadde war kein Dorf mehr, es ging aufwärts!“ Der Satz spiegelte das damalige Lebensgefühl vieler Lampertheimer wider. Man war stolz auf die neue Stadt – und natürlich gehörte auch die freundschaftliche Rivalität mit dem Nachbarn Bäschdadd dazu.
„Kurtchen“ und eine Lehrerin, die in Erinnerung blieb
Eine besonders persönliche Geschichte hatte Kurt Seilheimer mitgebracht. Er wurde 1951 eingeschult und erinnerte sich an seine Grundschullehrerin Frau Viktor. Sie war ausgesprochen nett zu ihm und nannte ihn liebevoll „Kurtchen“. Warum gerade dieser Spitzname so nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, erzählte Kurt natürlich ebenfalls. Und wieder zeigte sich an diesem Abend, dass große Geschichte oftmals aus ganz kleinen Erinnerungen besteht: ein Schulanfang, eine Lehrerin, ein Spitzname – und eine Erinnerung, die auch 75 Jahre später noch lebendig ist.
Foto: oh
Kindheit zwischen Kaiserstroß, Altrhein und Biedesand
Karin Kraus erinnerte an eine Kindheit, in der Kinder einfach draußen unterwegs waren. Kaum Autos, keine Handys und niemand, der ständig wissen wollte, wo der Nachwuchs gerade steckt. Der Altrhein und der Biedesand waren für viele Kinder damals eine zweite Heimat. Natürlich gehörten zu dieser Freiheit auch kleinere Katastrophen. Karin Kraus erzählte von Verletzungen und der damaligen medizinischen Versorgung. Besonders ihr Satz „Wenn in de Kaiserstroos de Trill nit do war, sinn ma vum Dokder Schulte genähd worrn“ sorgte für kräftiges Gelächter. Auch die ersten heimlichen Rauchversuche durften in ihren Erinnerungen natürlich nicht fehlen.
Mundart verbindet Generationen
Einen besonderen Beitrag leistete Stadtverordnetenvorsteher Franz Korb. Bei der offiziellen Feier zum Stadtjubiläum hatte Korb darüber gesprochen, dass die Menschen das Herz der Heimat seien. Für die Babbler-Familie formte er diese Gedanken anschließend in die Lômbadder Muddasprooch um. Ein schönes Zeichen dafür, dass Mundart keineswegs nur ein Relikt vergangener Zeiten ist. Sie lebt. Sie verändert sich. Und sie verbindet Generationen.
55 Jahre Kerwerede – ein Stück Lampertheimer Geschichte
Besonders emotional wurde es beim Auftritt von Heinz „Clever“ Eichenauer. Der 81-Jährige kann auf unglaubliche 55 Jahre als Kerweredner zurückblicken. 55 Jahre, in denen er das Geschehen in Lampertheim mit seinem ganz eigenen Humor begleitet, kommentiert und immer wieder auch kräftig aufs Korn genommen hat. Bei der diesjährigen Kerwe verkündete er: „Ich weer heit zum letschte Mol in Kerwekranz uffhenke.“ Ein Satz, bei dem es auch im Luthersaal etwas stiller wurde. Denn 55 Jahre Kerwerede sind selbst ein Stück Lampertheimer Geschichte. Doch eines ist sicher: „Clever“ bleibt den „Lômbadda Babblern“ erhalten. Mit seinem poetischen Rückblick „Man schrieb das Jahr 1-9-5-1, ich war damals noch in kloone Heinz …“ traf Eichenauer einmal mehr genau den richtigen Ton zwischen Humor, Erinnerung und Heimat.
„Hauptsach, es is ebbes do!“
Zum Abschluss kamen noch Gäste aus Heppenheim zu Wort. Irene Drayss und Annelie Neher widmeten sich einem kleinen, aber mächtigen Wort der südhessischen Sprache: „ebbes“. Ein Wort, das eigentlich immer passt. Und wenn gar nichts mehr hilft, gilt schließlich: „Hauptsach, es is ebbes do!“ Auch Hans Kling setzte mit seinem gewohnt kernigen Vortrag „Haid is moje schunn geschdann“ noch einmal einen passenden Schlusspunkt. Kling holte einige Erinnerungen an seine Lausbubenzeit hervor. Mit seinem Freund Ralf wurden so manche Streiche ausgeheckt, die vermutlich besser in der Vergangenheit bleiben. Ein besonderes Ereignis war damals das Fußballspiel „Oberdorf gegen Unterdorf“. Da ging es noch nicht um Millionen, Fernsehkameras oder taktische Analysen. Da ging es um Ehre. Und natürlich darum, wer anschließend behaupten durfte: „Mir hawwe gewonne!“
Aus 75 Jahren wurden mehrere Stunden voller Leben
Als der Abend langsam zu Ende ging, war deutlich zu spüren, was diesen „Babbler-Abend“ so besonders gemacht hatte. Es waren nicht die großen historischen Daten. Es waren die kleinen Geschichten.nGeschichten aus der Schule. Vom Bäschdadd. Vom Fußball. Vom Altrhein. Vom Biedesand. Von der Kerwe. Von Lehrern, Freunden, Lausbubenstreichen und längst verschwundenen Geschäften. Geschichten, die vielleicht niemals in einem Geschichtsbuch stehen werden – und die trotzdem ein wichtiger Teil der Geschichte Lampertheims sind. Ein großer Dank galt deshalb allen, die diesen besonderen Abend mit ihren Beiträgen bereichert haben: Armin Herweck, Erika Krämer, Peter Schneider, Lothar Lauseker, Helmut Hummel, Kurt Seilheimer, Karin Kraus, Hans Kling, Franz Korb, Heinz „Clever“ Eichenauer, Irene Drayss und Annelie Neher. Ebenso galt der Dank Matthias Karb für die musikalische Begleitung, der Martin-Luther-Gemeinde für die Gastfreundschaft, dem Kulturamt Lampertheim sowie allen Helferinnen und Helfern hinter den Kulissen. Und vielleicht war genau das die schönste Erkenntnis dieses Abends: Wenn einer seine Geschichte erzählt, werden plötzlich auch bei anderen die eigenen Erinnerungen wieder wach. Dann wird aus einer Geschichte ein Lächeln. Aus einem Lächeln eine Erinnerung. Und aus vielen Erinnerungen wird Heimat. „Des sin die Lômbadda Babbler. Des is Lômbadde.“ Und genau deshalb sind solche Abende so wertvoll. zg
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