Fr., 27. November 2020, 09:05 Uhr
Kritik an und Ärger über die maßgeblichen Institutionen im Kampf gegen Covid-19
Offener Brief der Ärzteschaft Lampertheim / GALA
LAMPERTHEIM – Die Ärzteschaft Lampertheim beziehen mit einem offen Brief Stellung zur aktuellen Situation rund um die Corona-Pandemie. Im Namen der niedergelassenen Ärzteschaft in Lampertheim und als Vorstandvorsitzender von GALA möchte Dr. med. Walter Seelinger im Namen des Vorstandes auf diverse Umstände hinweisen, „die uns niedergelassene Ärzte beschäftigen und verärgern. Seit Beginn der Pandemie im März diesen Jahres sehen sich die niedergelassenen Ärzte, insbesondere der hausärztlichen Versorgungsebene, an erster Stelle und als erste Ansprechpartner im Kampf gegen das Covid-Virus.
Viele Widrigkeiten der ersten Wochen und Monate haben wir überwiegend klaglos hingenommen, da alle Akteure im Gesundheitswesen mit einer vollkommen neuartigen Erkrankung konfrontiert wurden. Dass hierbei Lücken und Engpässe in der Kommunikation, jedoch auch in der logistischen Versorgung entstanden sind, war nachvollziehbar.
Nun aber sind mehrere Monate ins Land gezogen und der Wissensstand zur Behandlung des Virus und die Erkenntnisse zur Eindämmung haben sich deutlich verbessert. Dennoch und gerade deshalb, ist es umso unverständlicher, wie insbesondere die niedergelassenen Kollegen, von den maßgeblichen Institutionen behandelt werden.
Dazu gehören erstens die hessischen Krankenkassen, federführend die AOK Hessen als Verhandlungspartner, die seit mehreren Wochen keine Kosten für Schutzmaßnahmen (FFP2 Masken, Schutzkleidung etc.) übernehmen. Die Argumentation der Krankenkassen ist grotesk: Sie behaupten, eine Erholung des Infektionsgeschehens zu sehen, und somit auch keine Notwendigkeit weitere Schutzmaßnahmen zu bezahlen. Dies im Angesicht der derzeit erschreckend hohen Zahlen zu behaupten, ist schlichtweg eine
Leugnung der Tatsachen.
Wir als niedergelassene Ärzte sind somit darauf angewiesen, uns selbst Schutzkleidung auf dem freien Markt zu besorgen und zu bezahlen, um weiterhin unsere Patienten versorgen zu können.
Zweitens, die Kassenärztliche Vereinigung (KV):
Es gibt keine starke Positionierung zum Verhalten der Krankenkassen, keine Informationen der Öffentlichkeit, wie sich die Situation derzeit im ambulanten Bereich darstellt.
Es werden in der KV-Zentrale in Frankfurt Entscheidungen am grünen Tisch getroffen oder akzeptiert, ohne die Informationen, die direkt vor Ort erhältlich wären zu eruieren. Mit unserem GALA-Netz gibt es einen lokalen Ansprechpartner, der die Situation in Südhessen mit über 60 Mitgliedern in vielen Praxen hautnah täglich erlebt und mit Rat und Tat Informationen und Auskünfte weitergeben könnte. Dies wird schlichtweg ignoriert. Stattdessen werden Entscheidungen getroffen, die jeglicher rationalen Grundlage entbehren, wie z.B. die Verlegung des Testzentrums nach Hofheim.
Drittens, Landrat und Kreisbeigeordnete für das Gesundheitswesen: Auch hier fühlen wir uns in der Kommunikation und der Entscheidungsfindung vollkommen außen vor gelassen. Bei jeder Gelegenheit betonen Gesundheitsdezernentin Frau Stolz und Landrat Herr Engelhardt die gute Zusammenarbeit zwischen GALA und dem Kreis Bergstraße. Wir werden gelobt für unser Engagement in der Weiterbildung, im Präventionsbereich, in der Gesundheitskonferenz. Aber bisher sind alle Entscheidungen zur Bewältigung der Corona-Pandemie ohne die Einholung der lokalen Kompetenzen getroffen worden.
Alle Verantwortlichen loben die Arbeit die wir, insbesondere unsere medizinischen Fachangestellten und Kolleginnen und Kollegen tagtäglich leisten, um diese Pandemie einzudämmen. In fast allen Praxen werden, mit großem Aufwand, Abstriche gemacht und Beratungen angeboten. Dies nimmt man laut Beifall klatschend zur Kenntnis.
Die Bewältigung der Pandemie erfordert in allen Bereichen einen sehr hohen persönlichen und bürokratischen Einsatz. Hierzu werden im öffentlichen Gesundheitsdienst Überstunden geleistet und auch bezahlt, zusätzliches Personal eingestellt und Unterstützung von außen (z.B Bundeswehr) zur Verfügung gestellt.
Im Bereich der Hausärzte ist dieser zusätzliche große persönliche Einsatz aller Mitarbeiter und der medizinischen Fachangestellten nicht nur mit hohem Infektionsrisiko verbunden, sondern wird ebenso wie der immense bürokratische Aufwand komplett zusätzlich erbracht. Die normale hausärztliche Tätigkeit und das Tages-Geschäft aller Mitarbeiter muss unbeeinflusst davon nebenher weiterlaufen. Und das ohne irgendeine Vergütung der Überstunden!
Was wir als niedergelassene Hausärzte brauchen, ist eine Zusammenarbeit
und Kommunikation auf Augenhöhe. Wir sind gerne bereit unsere Arbeit im Sinne unserer Patienten zu erbringen. Wir fordern jedoch, dass die Rahmenbedingungen sich deutlich verbessern müssen. Wir sehen derzeit die Wertschätzung unserer Arbeit als nicht gegeben.
Ich möchte diesen Brief auch als Appell an alle Verantwortlichen, KV, Kreis Bergstraße und Gesundheitsamt verstanden wissen, diese Missstände im Sinne des Wohlergehens unserer Patienten zu verbessern.” zg