Verlandung des Altrheins droht - Bürger zur Unterstützung aufgerufen
„Ohne Ausbaggern geht das Ökosystem kaputt“
Alle brauchen den Altrhein. Bei der Rettung des Altrheins vor der endgültigen Verlandung geht es um Naherholung und Naturschutz, den Kanusport und Wettkämpfe, um die Befahrbarkeit mit Motorbooten und Yachten. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Das Thema Sanierung des Altrheins ist gerade wieder politisch hoch akut, denn bei der Stadtverordnetenversammlung am heutigen Freitag geht es um die Verabschiedung des Haushaltplan-Entwurfs 2016 und um die Entscheidung, ob 200.000 Euro für vorbereitende Maßnahmen für den Altrhein in den Haushalt eingestellt werden. Die Initiative „Rettet das Naturschutzgebiet Lampertheimer Altrhein“ hat seit der Bürgerversammlung vor einem Jahr gemeinsam mit anderen Akteuren einiges erreichen können, ohne jedoch einen entscheidenden Schritt vorangekommen zu sein. Doch zwei Lichtblicke gab es bei dem Pressegespräch zu vermelden, zu dem die Initiative am Dienstag beim Wassersportverein Lampertheim eingeladen hatte. Diese „positiven Entwicklungen“ betreffen die hessischen Naturschutzverbände, die selbst mit dem Regierungspräsidium verhandeln und die Parlamentarier von SPD und Die Grünen, die mit ihrem Antrag die Einstellung der erforderlichen 200.000 Euro in den städtischen Haushalt 2016 erreichen wollen. Die FDP habe der Initiative schriftlich versichert, diesen Antrag zu unterstützen, berichtete Sprecher Rudolf Klippel. Auch eine Besprechung im November, zu der Ornithologe Dr. Peter Petermann die Initiative, Vertreter der Naturschutzverbände BUND und NABU sowie Fachbereichsvertreter der Stadt Lampertheim und Bürgermeister Gottfried Störmer eingeladen hatte, führte zu einem positiven Ergebnis, das beim Pressegespräch vorgestellt wurde. Die Teilnehmer fordern einstimmig die Ausbaggerung des Altrheins vom Bau bis Hafen 1 und Dr. Petermann, der an das Regierungspräsidium Darmstadt berichtet, wird ein Gutachten zum Thema Ausbaggerung sowie Zustand und Erhalt von Heegwasser, Rallengraben und Welsches Loch im Wirkungsbereich des Altrheins erstellen. Auf Grundlage dieses Gutachtens will der Landesvorsitzende des NABU Hessen Gespräche mit dem Regierungspräsidium führen. Die Mitglieder der Initiative gehen davon aus, dass die Lampertheimer Bürger die Natur am Altrhein lieben und dafür einstehen werden.
Der Altrhein ist auch Heimat vieler Boote und Yachten. Archivfoto: Hannelore Nowacki
Wie es um den Altrhein steht
Andrea Hartkorn (NABU) und Dieter Melchior (BUND) wiesen beim Pressegespräch auf die beobachteten Entwicklungen am Altrhein hin. Dem Lampertheimer Altrhein und dem Naturschutzgebiet geht es schlecht, auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht auffallen muss: Einige der dort heimischen Pflanzen und Tiere, die das Gewässer dringend brauchen, werden immer seltener. Teichrose und Seekanne verschwinden, Wasserfledermaus und Haubentaucher verlassen das Gebiet. Karl-Heinz Barchfeld, Naturschützer vom Angelsportverein, berichtete von Maßnahmen wie Deichrückverlegung Kirschgartshausen und das Anlegen eines Verbindungsgrabens vom Altrhein zum Neurhein, die das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erreichten. Wasserzulauf gibt es nur bei Hochwasser, sonst nimmt das Wasser den umgekehrten Weg und legt die Auengewässer wie den Rallengraben und das Welscher Loch trocken. Im Altrhein hatten die Kanus ab Juni nur noch 30 bis 40 Zentimeter unter dem Kiel, beim Paddeln stießen die Nachwuchssportler des Kanuclubs (KC) auf Schlamm, berichtete Ulrike Gliem, die beim Kanuclub Trainerin und Sportwartin für Leistungssport ist. Für Wettkämpfe reicht es dann nicht mehr. Nur geübte erwachsene Wassersportler des Wassersportvereins (WSV) wagten sich zum Training hinaus ins tiefere Fahrwasser, was nicht ungefährlich ist. Erika Gabler, Vorsitzende des Wassersportvereins, sieht alle Bemühungen des Vereins um die Kinder- und Jugendförderung mit Kanu-Akademie und Talentförderprogramm, Feriencamps und vieles mehr gefährdet – ehrenamtliche Aufgaben, die viel Engagement erfordern. Jörgen Anlauff, der die Motorbootfahrer vertritt, musste erleben, dass in diesem Jahr Motorboote wegen Niedrigwassers zum ersten Mal nicht mehr fahren konnten. Alle wissen es: Nur Ausbaggern wird helfen. Auf dem Weg dahin watet die Initiative „Rettet das Naturschutzgebiet Lampertheimer Altrhein“ seit Jahren tief im Schlamm von Zuständigkeiten und Kostenfragen. Der Bund als Herr über die Bundeswasserstraße Altrhein und das Land Hessen für den kürzeren Streckenabschnitt sind zuständig, sind jedoch gesetzlich nicht zur Ausbaggerung verpflichtet. Als weiterer Spieler mit dem Schlamm ist das Regierungspräsidium Darmstadt beteiligt und auch die Stadt Lampertheim hat mit dem Schlamm ihr Päckchen zu tragen. Eigentlich waren die 200.000 Euro für den Kampfmittelräumdienst und die Probeausbaggerung zur Ermittlung der Giftbelastung im Haushaltsplanentwurf 2016 schon enthalten, wurden dann aber von Bürgermeister Gottfried Störmer aus Gründen der finanziellen Belastung im noch defizitären Haushalt gestrichen. Das gab Ärger mit dem Ersten Stadtrat Jens Klingler, der in der Verwaltung für die Finanzen zuständig ist. Sprecher Rudolf Klippel betonte, dass es keine konkreten Hinweise auf Kampfmittel im Altrhein gebe, also auch keine Gefahr zu erwarten sei. Zur Frage von unkalkulierbaren Folgekosten einer Altrhein-Sanierung meinte Klippel, dass es Fördermittel aus Brüssel zum Erhalt bestehender Gewässer geben könne, auch wolle der Landrat an der Entwicklung eines Tourismuskonzepts festhalten. Barchfeld bemängelte, dass für die Teilnahme am hessischen Städtebauprogramm 182.000 Euro in den Haushalt eingestellt werden sollen, für den Altrhein aber bislang nichts. „Farbe bekennen“ forderte er von den politisch Verantwortlichen.
Im Rahmen eines Magistratspressegesprächs bezog Bürgermeister Gottfried Störmer am Mittwoch Stellung zur Diskussion rund um die Altrheinsanierung. „Ich bin keinesfalls ein Gegner, sondern im Gegenteil ein Befürworter des Altrheins, der in vielfacher Hinsicht wichtig für Lampertheim ist – sei es für das Tourismuskonzept, die Natur oder den Wassersport. Der Altrhein interessiert mich sehr, aber meine Entscheidung, die 200.000 Euro nicht in den städtischen Haushalt stellen zu wollen, beruhen rein auf der Gesamtsituation im Haushalt." Dabei verwies Bürgermeister Störmer auf die Tatsache, dass es viele Projekte gibt, die aus Sicht der Verwaltung ebenfalls wünschenswert und wichtig seien, die aber zum Teil bereits zum wiederholten Mal geschoben werden müssten, damit im Jahr 2017 die sogenannte „Schwarze 0" im Haushalt stünde. „Daher müssen wir meiner Ansicht nach auf die Maßnahmen zur Altrheinsanierung verzichten, es geht hierbei nicht um den Altrhein selbst sondern lediglich um haushälterische Fragen." Bezüglich einer möglichen Abstimmung zu diesem Punkt in der Stadtverordnetenversammlung am Freitag erklärte Bürgermeister Störmer, dass er sich angesichts der Entscheidung „selbstverständlich wie ein Demokrat verhalte." Hannelore Nowacki/Benjamin Kloos