Gedenkstunde an der ehemaligen Synagoge erinnert an die Opfer der Reichspogromnacht und warnt vor aufkeimendem Antisemitismus
„Protest wählen, heißt zündeln“
Eine Geste der Erinnerung: Zur Gedenkstunde wurden Kerzen angezündet und Blumen nieder gelegt. Bürgermeister Gottfried Störmer, Spargelkönigin Alina-Sophie I. und Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass gedachten am Standort der ehemaligen Synagoge der Opfer. Foto: Eva Wiegand
LAMPERTHEIM - Zerstörte Synagogen, Gebetsräume und jüdische Versammlungsstätten, verwüstete Ladengeschäfte und Hunderte Tote: Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 jährte sich in diesem Jahr zum 81. Mal. Auch in Lampertheim sind Menschen Opfer der grauenhaften Taten geworden. Die Stadt Lampertheim sowie der DGB Ortsverband erinnerten an das unermessliche Leid, das im Namen des deutschen Volkes vor 81 Jahren verübt wurde mit einer öffentlichen Gedenkstunde am ehemaligen Standort der Synagoge.Bürgermeister Gottfried Störmer in seiner Rede und zahlreiche Schülerinnen und Schüler des Lessinggymnasiums warnten in ihren Beiträgen vor dem aufflammendem Antisemitismus und aufkeimender Fremdenfeindlichkeit in der heutigen Zeit. Sie schlugen angesichts der aktuellen Ereignisse etwa in Halle, den Bogen über die 81 Jahre in die Gegenwart und warben für eine starke Demokratie und einen starken Rechtsstaat. Denn heute, so formulierte es Störmer, biete sich ein zwiespältiges Bild: „Es gibt in Deutschland wieder blühendes jüdisches Leben – ein unerwartetes Geschenk nach diesen Gräueln. Doch zugleich erleben wir einen besorgniserregenden Antisemitismus, der jüdisches Leben in unserem Land und an anderen, sicher geglaubten Orten der Welt bedroht.“ Dieser Antisemitismus entlade sich zunehmend offen und teils in ungehemmter Hetzte im Internet, wie im öffentlichen Raum.
„Auch heute gibt es eine Partei- ich benenne sie auch, die AfD – die einfache und einfachste Lösungen anbietet und uns glauben macht, es gibt bestimmte Menschen, Menschengruppen, die Schuld daran sind, dass es uns, der Gesellschaft, zumindest aber ihrer Klientel wirtschaftlich schlecht geht“, sagte Störmer. Gleichzeitig sei die Partei, so sein Eindruck auch ganz bewußt, Sammelbecken für den rechten Mob. Die AfD sei das Pulverfass an der Demokratie. „Jeder Wähler ist verantwortlich für die zukünftige Entwicklung in unserem Land und trägt das Streichholz zum Entzünden der Lunte bei sich. Protest wählen, heißt zündeln“, betonte der Bürgermeister und zitierte schließlich den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der in seiner Gedenkrede zum 70. Jahrestag des 20. Juli 1944auf die Frage, was der einzelne tun könne, um für ein Leben in Verantwortung für Deutschland und die Demokratie bereit zu sein, antwortete: „Mutig zu unseren Werten stehen. Uns nicht mitschuldig zu machen, wenn anderen Unrecht geschieht.“ Auch die an der Gedenkstunde beteiligten Jugendlichen der Klasse 10c, der Schülervertretung sowie des Musik-Leistungskurses stellten sich gegen den Ruck nach rechts, erinnerten an die Opfer und gedachten Georg Elser, dessen Anschlag auf Hitler am 8. November 1939 fehlgeschlagen war.Er sei ein Vorbild für alle, weil er die Initiative ergriffen habe und damit gezeigt habe, wie wichtig es ist, Mut zu zeigen. Erschreckend sei zudem, dass nach über 80 Jahren bei 1.300 Befragten 25 Prozent eine antisemitische Haltung einnehmen. „Wir können nicht ändern, was geschehen ist, aber wir dürfen es nicht vergessen und müssen für eine bessere Zukunft daraus lernen“, lautete das Fazit der Schüler, die jede Form von Gewalt verurteilen. Eva Wiegand