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  • Do., 18. Juni 2020, 08:50 Uhr
    CORONAKRISE: Dramatische Auswirkungen für lokale Anbieter von Pauschalreisen / Wichtiger Kundenservice droht verloren zu gehen

    Quo vadis, Reisebüros?

    In den vergangenen Wochen musste Inge Friedle viele Stunden und Tage arbeiten, ohne einen Euro zu verdienen. Foto: Benjamin Kloos


    BÜRSTADT – Zunächst war es im September 2019 die Thomas Cook-Pleite, welche die Reisebüros in der Region und der ganzen Republik beutelte, jetzt Corona: Die Reisebüros stehen vor dem Abgrund, denn sie sind in besonderem Maße von der aktuellen Krise betroffen. Und auch wenn jetzt die Grenzen öffnen und Reisen wieder möglich sind, ist die Krise für die Reisebüros vor Ort noch lange nicht ausgestanden – nicht nur, weil viele Hotels insolvent sind, Busreisen entfallen und auch Kreuzfahrten noch nicht möglich sind. Deshalb gingen die Reisebüros am Mittwoch in Berlin erneut auf die Straße, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Denn wenn es keine rasche Hilfe von Seiten der Politik gibt, wird es viele der lokalen Anbieter von Pauschalreisen nicht mehr geben – und damit geht auch ein wichtiger Servicebereich verloren.

    Denn die Reisebüros haben viel mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick erscheint: Die engagierten Teams bieten einen Rundumsorglos-Service, der weit darüber hinaus geht, einfach eine Reise bei Onlineanbietern zu suchen oder zu googeln. Dabei ersparen die Reisebüros ihren Kunden viel Zeit, um die passenden Flüge und Hotels zusammenzusuchen – wobei Hotelempfehlungen aus persönlichen Erfahrungen ausgesprochen werden und nicht anonym und ohne zuverlässige Bestätigung aus dem Internet. Zudem informieren die Reisebüros ihre Kunden bei Flugzeitenänderungen oder Baustellenmitteilungen seitens der Reiseanbieter, nehmen Sitzplatzreservierungen im Flugzeug vor, kümmern sich um Sonderessen und bei Bedarf einen Rollstuhlservice ebenso wie um Zimmerwünsche im Hotel. Auch bei Umbuchungen der Reise oder der gebuchten Kategorie stehen Ihnen die Reisebüros kompetent und hilfsbereit zur Seite, ganz im Gegensatz zu anonymen Fallcentern bei Online-Buchungen. Besonders wichtig sind Reisebüros auch im Fall von Schwierigkeiten am gebuchten Urlaubsort oder im Hotel, ebenso wie bei Reklamationen. Bei geplanten Kreuzfahrten kümmern sich die Teams darum, dass das passende Konzept und die perfekte Reise inklusive Ausflugstipis gefunden wird. Themen wie Reiseschutz, der Online-Check-In sowie persönlichen Informationen und Tipps bei Städtereisen werden ebenfalls von den Reisebüros gerne für ihre Kunden angeboten. Darüber hinaus bieten zahlreiche Reisebüros auf ihren Internet- und Facebookseiten zahlreiche Hintergrundinformationen rund im die Reiseziele. Dies alles würde wegfallen und die Reisenden im Vorfeld viel Zeit und Nerven kosten, wenn die Reisebüros sterben würden, die schon heute mit dem Rücken an der Wand stehen.

    „Politik muss Farbe bekennen”

    „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll, seit dem 18. März sind wir ohne Verdienst,”, beschreibt Inge Friedle vom Bürstädter Reisebüro Friedle die derzeitige Situation im Gespräch mit dem TIP, stellvertretend für alle Reisebüros in der Region. Diese leisten derzeit doppelte Arbeit, ohne dafür auch nur einen Euro zu bekommen, im Gegenteil: Denn nach der bereits im Vorfeld zu Corona getätigten Buchung müssen nun die Stornierungen abgearbeitet werden. Dabei verzichten gerade die kleineren Reisebüros häufig auch noch auf Bearbeitungsgebühren. „Zehn bis elf Stunden habe ich derzeit täglich zu tun, um Rückabwicklungen durchzuführen. Darüber hinaus bin ich rund um die Uhr für meine Kunden erreichbar”, erläuterte Inge Friedle. Aber: „Für die gebuchten Reisen haben wir teilweise bereits Provision erhalten. Diese wird nun mit der Rückabwicklung verrechnet. Das bedeutet, dass wir im Prinzip unser Gehalt zurückzahlen müssen – in welchem Unternehmen wäre so etwas möglich? Aufgrund dieser Situation bleibt gar nichts hängen. Dabei sind laufende Kosten wie die Miete und Nebenkosten zu bezahlen, aber von welchen Einnahmen? Aktuell haben wir ein paar Anfragen, aber das reicht nicht, um das Team aus der Kurzarbeit zu holen. Es gibt glücklicherweise Kunden, die ihre Reisen ins neue Jahr umbuchen, so dass uns zumindest diese Umsätze bleiben.” Bis Inge Friedle und die anderen Reisebüros wieder Geld verdienen, wird es aus Sicht der Bürstädterin noch bis Dezember oder Januar dauern. „Bis dahin können wir mit Glück die laufenden Rechnungen bezahlen. Die Politik muss jetzt Farbe bekennen, denn es ist derzeit für alle Reisebüros sehr eng, viele werden schließen müssen.” Die Soforthilfe sei ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, ohne Kredite wird wohl kein Reisebüro überleben können – und während Milliarden für Fluggesellschaften zur Verfügung gestellt werden, bleiben die Reisebüros weiterhin nahezu unbeachtet. Obwohl diese trotz der schwierigen Umstände in den letzten Wochen immer für ihre Kunden da waren und es auch in Zukunft sind.

    Dank an Kunden

    „Es ist uns als Reisebüros wichtig, dass die Kunden zufrieden sind, damit diese wiederkommen”, betonte Inge Friedle. Daher sei es um so erfreulicher, dass die Kundschaft treu zu den Reisebüros stehe. „Dies zu spüren ist unheimlich wichtig, wir bekommen immer wieder Blumen und Pralinen sowie die besten Wünsche. Aber: Davon können wir nicht überleben. Denn bis zum Ende des Jahres verdienen wir nicht und müssen sehen, wie wir die laufenden Kosten abdecken und unsere Teams wieder Stück für Stück aus der Kurzarbeit holen können.” 

    Inge Friedle will aber weiterkämpfen – so wie zahlreiche ihrer Kolleginnen und Kollegen auch: „Ich fliege demnächst nach Mallorca, um zu sehen, wie die Flugreisen funktionieren und um unseren Kunden Antworten auf ihre Fragen in diesem Zusammenhang geben zu können.   

    Neben ihren Kunden, die Inge Friedle am Herzen liegen, gibt es für sie persönlich weitere Gründe, weiterzumachen: Denn im Juni hätte das Reisebüro Friede 15. Geburtstag gefeiert, im Dezember ist sie 25 Jahre im Bereich Reisen tätig und am 2. Oktober ist das Reisebüro Friedle seit zehn Jahren in Bürstadt ansässig – viele Gründe für eine Feier, die leider entfallen muss. Wichtig wäre aber zunächst, dass den Reisebüros die Möglichkeit gegeben wird, überhaupt weiter zu existieren – und hier ist jetzt die Politik gefordert. Benjamin Kloos

     
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