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  • Di., 10. November 2020, 08:41 Uhr
    Jüdisches Leben 1938 ausgelöscht – Synagoge von SA aus Worms verwüstet 

    Schüler erleben Erinnerungskultur vor Ort

    Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 mit Abstand und Maske, aber emotional ganz nah dran am damaligen Grauen: Geschichtslehrer Tobias Goll rief dazu auf die Erinnerungskultur mit Leben zu füllen. Foto: Hannelore Nowacki


    BÜRSTADT – Wo stand in Bürstadt eine Synagoge? Gute Frage – denn außer einem Schild der Bürstädter Bürgerstiftung an einer Hofeinfahrt in der Mainstraße 24 deutet gar nichts mehr auf die einstige Existenz des jüdischen Gotteshauses in Bürstadt hin. Für die Schülergruppe der 10. Klasse der Erich-Kästner-Schule, die am Montagvormittag mit ihrem Geschichtslehrer Tobias Goll im Rahmen des Unterrichtsprojekts „Drittes Reich“ an diesen Ort gekommen war, hat sich die Frage beantwortet. „Alle waren erstaunt, dass hier mal eine Synagoge stand“, berichtete Goll vor dem offiziellen Gedenken an die Zerstörung der Synagoge und des jüdischen Lebens, an dem Bürgermeisterin Barbara Schader, Schulleiterin Stephanie Dekker, Stadtverordnetenvorsteher Jürgen Eberle und mit Ursula Cornelius (CDU), Franz Siegl (SPD), Erhardt Renz (Grüne) und Burkhard Vetter (FDP) Vertreter aller Fraktionen im Stadtparlament teilnahmen. Alljährlich am 9. November wird an vielen Orten in Deutschland das Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 gepflegt, als die Nazis systematisch die Synagogen anzündeten und zerstörten, die Mitbürger jüdischen Glaubens gezielt verletzten, töteten und in KZs deportierten. Da die Synagoge in dichter Bebauung stand, sei sie nicht wie andernorts angezündet worden, erläuterte Goll. Damals hätten zu viele weggeschaut. In Bürstadt fand das Gedenken zum ersten Mal offiziell statt. Auf Initiative des Ältestenrates der Stadtverordnetenversammlung hatte Bürgermeisterin Schader Kontakt zur Erich-Kästner-Schule aufgenommen und so den Beginn einer Erinnerungskultur eingeleitet, die zukünftig von der jungen Generation getragen und fortgeführt werden soll. Das wünscht sich Burkhard Vetter, damit das damalige Geschehen nicht in Vergessenheit gerät. Dabei schließt er sich der Aussage des verstorbenen Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer an, der gesagt habe: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht“. Wichtig sei über Geschichte nicht nur in Büchern zu lesen. Das Erleben vor Ort ist anders, eine Erfahrung die Vetter vor etwa zehn Jahren bei einem Besuch in Auschwitz machte. „Das hatte mich fertig gemacht – Sie fühlen das Grauen, Sie können es riechen“, erklärte Vetter. Dann habe er wissen wollen, was in Bürstadt passiert war. Vetter berichtet von Gesprächen und Korrespondenz mit Nachfahren der Ermordeten und Geflüchteten, von der Initiative auch in Bürstadt Stolpersteine zu verlegen, die Gunter Demnig weltweit stets eigenhändig in das Pflaster von Gehwegen integriert. Im dicken Aktenordner, den Vetter mitgebracht hatte, hat er das Leben der jüdischen Gemeinde in Bürstadt mit Bildern und Lebensläufen der jüdischen Mitbürger und Nachfahren festgehalten. Eine Geschichtsdokumentation, die nicht nur Geschichtslehrer Goll beeindruckt. In Bürstadt habe es eine lebendige jüdische Gemeinde mit Synagoge und eigener Schule gegeben, die jüdischen Mitbürger seien Mitglieder im Fußballverein und in Gesangvereinen gewesen und hätten sich wohltätig engagiert. „Geschichte kann man lernen“, ist Vetter überzeugt und dankbar dafür, dass die Schule da war und sich die jungen Leute an der Erinnerungskultur beteiligen. Geschichte nicht nur lernen sondern leben, regte Schulleiterin Dekker an. Vetter wies die Schüler auf das nahe gelegene ehemalige KZ Osthofen und die dortige Sonderausstellung hin, ein lohnender Besuch, wenn die Gedenkstätte nach dem Lockdown wieder geöffnet hat. Die lebendige jüdische Gemeinde unterhielt in Bürstadt die Synagoge, eine eigene Schule und ein Frauenbad, wusste Vetter zu berichten, eine stattliche Synagoge, von der jedoch keine einzige Fotografie zu finden ist. Zur Zerstörung waren SA-Männer aus Worms am Morgen des 10. November nach Bürstadt gekommen, später nutzten Bürstädter die Steine zum Bau ihrer Häuser. Hannelore Nowacki

    Stolpersteine in Höhe der Mainstraße 24 geben Zeugnis vom Schicksal der Familie Mehrl.  Foto: Hannelore Nowacki

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