Die Gratiszeitung für Lampertheim und das hessische Ried
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » „Sicherheit der Bevölkerung muss im Vordergrund stehen"
Di., 04. Februar 2014, 14:15 Uhr
Bürgermeister im Ried und in Worms über mögliche weitere Zwischenlagerung von „Castoren" in Biblis größtenteils besorgt
„Sicherheit der Bevölkerung muss im Vordergrund stehen"
Wird als möglicher Standort für weitere Zwischenlagerung von sogenannten „Castoren" diskutiert: Das Kernkraftwerk Biblis. Archivfoto: Torsten Silz/dapd
RIED/WORMS - Der Grünen-Umweltminister der hessischen Landesregierung, Tarek Al- Wazir, hat angekündigt, dass er der weiteren Zwischenlagerung von so genannten „Castor-Behältern“ mit radioaktivem Atommüll auf dem Gelände des Kernkraftwerk Biblis nach fachlicher Prüfung zustimmen werde.
Diese Entscheidung hätte direkten Einfluss auf die Städte und Gemeinden im Ried, aber auch auf der anderen Rheinseite in Worms. Der TIP hat bei den Bürgermeistern in Biblis, Bürstadt, Lampertheim und Worms nachgefragt, wie diese die Situation um einen möglichen Standort Biblis für die Zwischenlagerung beurteilen und welche Risiken sie für die Region und speziell für die Bürger sehen.
„Zusätzliches Gefahrenpotential"
Die noch amtierende Bibliser Bürgermeisterin Dr. Hildegard Cornelius-Gaus sieht die mögliche Errichtung eines Zwischenlagers in Biblis kritisch: „Viele Jahre haben verschiedene Gruppen den Standort Biblis in unserer dicht besiedelten Region als hochgefährlich bezeichnet. Warum soll er nun weiter mit „zusätzlichem Gefahrenpotential“ belastet werden? Gibt es neue Erkenntnisse, die belegen, dass doch nicht alles so schlimm war und ist? 2046 läuft die Genehmigung für unser Brennelemente-Zwischenlager aus. Selbst wenn heute bereits ein neuer Standort gefunden wäre, wäre der Bau eines Endlagers in tiefen geologischen Schichten samt der dazu gehörigen Technik bis dahin nicht zu schaffen. Bisher wurde noch nicht mal die Kommission berufen, die neue Kriterien dafür festlegen soll. Die Zwischenlagerung der Castoren aus Sellafield und La Hague in Biblis bedeutet aus meiner Sicht einen immensen Vertrauensverlust in die Politik und für die Umsetzung unseres Standortentwicklungskonzept ein gravierendes Hindernis – ganz gleich wie gefährlich der Müll eingestuft wird. Der Imageschaden ist enorm. „Entschädigung“ gibt es wohl nicht. Im Endlagersuchgesetz ist viel von Bürgerbeteiligung und Information die Rede. Die Standortgemeinden sind davon offensichtlich ausgeschlossen. Der Gemeindevorstand hat sich bereits gegen die Aufnahme der Castoren ausgesprochen."
Sicherheit von höchster Bedeutung
Kritisch und äußerst skeptisch steht Bürstadts Bürgermeisterin Barbara Schader der aktuellen Diskussion gegenüber: „Die Sicherheit der Bevölkerung muss oberste Priorität genießen. Dabei geht es keineswegs nur um die Nähe des Kernkraftwerkes zu unserer Stadt, sondern auch um den Transport der Castoren nach Biblis. Ob per Bahn oder LKW - hier darf keinerlei Gefahr für unsere Bürger ausgehen.
Der Ausstieg aus der Kernkraft wurde beschlossen, und sowohl CDU als auch SPD hatten sich bisher darauf festgelegt, dass Biblis kein Zwischenlager sein soll. Warum man davon jetzt abweicht, erschließt sich aus meiner Sicht nicht. Vielmehr macht man es sich hier sehr leicht: Nehmen wir doch einfach Biblis… Das kann nicht sein. Zumal Biblis als Endlager nicht in Frage kommt. Wir werden diese Diskussion und ein mögliches Zwischenlager in Biblis sehr kritisch und genau begleiten."
Die Bürgermeister der Region sorgen sich insbesondere um die Sicherheit der Bevölkerung. Archivfoto: Steffen Heumann
Lagerung nach neuestem Stand der Technik
Lampertheims Bürgermeister Gottfried Störmer hebt die Bedeutung der Sicherheit für die Bevölkerung hervor: „Der neue hessische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung, Tarek al Wazir, hat zum Ausdruck gebracht, dass die Frage, ob Hessen Castor-Behälter aufnehmen wird, in aller Ruhe geklärt werden soll. Wenn eine fachliche Prüfung dabei am Ende ergäbe, das es helfen würde, wenn Castoren in Biblis zwischengelagert werden, würde sich das Land Hessen dem nicht entgegenstellen.
Unter der Maßgabe, dass das Atomkraftwerk in Biblis nicht Endlager für den Atommüll wird, kann ich mich dieser Aussage des hessischen Energieministers anschließen. Ein Zwischeneinlagerung von weiteren Castoren mit Atommüll im genehmigten Standort-Zwischenlager in Biblis erfolgt nach dem Stand der Technik. Natürlich muss dabei die Sicherheit der Bevölkerung in der Region und damit auch die der Lampertheimerinnen und Lampertheimer jederzeit gewährleistet sein.
Ich als Bürgermeister der Stadt Lampertheim werde die weitere Diskussion und Entscheidungen dazu kritisch begleiten. Letztendlich sind wir aber alle in der Pflicht, mit den Hinterlassenschaften der damaligen energiepolitischen Entscheidungen verantwortungsvoll umzugehen."
„Folge früherer Fehlentscheidungen"
In Worms wird die Entscheidung zwiespältig aufgenommen. Die Wormser Stadtteile Ibersheim und Rheindürkheim befinden sich auf der linken Rheinseite direkt gegenüber dem Atomkraftwerk Biblis. Die Lagerung von „Castoren“ wurde stets kritisch beurteilt, erinnert Oberbürgermeister Michael Kissel an frühere Debatten um Biblis im Stadtrat.
„Dass jetzt mangels einer geeigneten Endlagerstätte weitere Zwischenlager für Castorenbehälter gesucht werden, ist das Ergebnis einer von Anfang an verfehlten Energiepolitik, weil man versäumt hat, die Frage der sicheren Endlagerung des Atommülls zu klären und auch zum jetzigen Zeitpunkt noch immer keine Lösung gefunden hat. Insofern ist die jetzige Lage die Folge früherer Fehlentscheidungen, muss aber dennoch bewältigt werden“, steht der Wormser Oberbürgermeister Michael Kissel der Entscheidung mit gemischten Gefühlen gegenüber.
Im Hinblick auf die Risiken einer Zwischenlagerung geht der Wormser Stadtchef von einer sorgfältigen Prüfung aller notwendigen Sicherungsvorkehrungen durch die Atomaufsichtsbehörden aus.
Dennoch bleiben Bedenken auf der linksrheinischen Seite bestehen: „Für die Stadt Worms ist eine Zwischenlagerung in Biblis mit Blick auf die unmittelbare Nähe zu Worms und speziell zu Ibersheim und Rheindürkheim von besonderer Brisanz.“ Benjamin Kloos