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Mo., 26. Juli 2021, 09:52 Uhr
BÜRGERVERSAMMLUNG: Experten informierten Bobstädter über Ergebnisse der Überflutungsberechnung
Starkregenereignisse in Bobstadt nehmen zu – was ist zu tun?
Auch in Bobstadt nehmen Starkregenereignisse und damit die Gefahr von Überschwemmungen zu – über mehrere Lösungsansätze für einen angemessenen Überflutungsschutz informieren jetzt Experten in einer Bürgerversammlung. Archivfoto: TIP-Verlag
BOBSTADT – Wenn dunkle Wolken am Himmel stehen, könnte sich daraus ein Starkregen ergießen. Das war in Bobstadt in den letzten zehn Jahren immer häufiger der Fall, nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich statistisch ermittelt wie die rund 50 Bürger bei der Informationsveranstaltung in der Sporthalle am Donnerstagabend von den beiden Referenten, den Ingenieuren Andreas Wetzstein und Joachim Kilian, erfuhren. Was eigentlich statistisch noch gar nicht eintreten sollte, geschah dennoch: Der Starkregen am 11. Juni 2018 setzte in Bobstadt viele Grundstücke und Keller unter Wasser, die Feuerwehr war über viele Stunden im Einsatz. Auch der 3. Juni 2019 ist noch in Erinnerung, als es in Bürstadt, Bobstadt und Riedrode zu Überflutungen kam. Dieses Jahr am 28. und 29. Juni hatte es vor allem die Kernstadt getroffen, davor wieder Bobstadt. In der Folge arbeitete die Stadtverwaltung das Starkregenereignis von 2018 auf: Die Bobstädter konnten auf Fragebögen die Schäden auf ihrem Grundstück beschreiben und mitteitlen, welche Vorsorgemaßnahmen sie bereits getroffen haben. Die Ingenieurgesellschaft Unger Ingenieure wurde mit der wissenschaftlichen Untersuchung beauftragt. Dabei wurden die Erkenntnisse aus den Fragenbögen, Beobachtungen der Feuerwehr, Fotoaufnahmen und Befragungen im Rahmen einer Überflutungssimulation verglichen und mit diesen Daten ein plausibles Modell erzeugt, erläuterte Wetzstein in seinem Vortrag. Besonders betroffen waren der nördliche Teil von Bobstadt, das Bireck und die Nordstraße. Bei der Erstellung einer Starkregengefahrenkarte hätten die anderen Bundesländer früher reagiert als Hessen. Daraus gehe hervor, dass für Bobstadt der Starkregenindex erhöht, für Bürstadt hoch sei. ZurPrognose für die Zukunft wies Wetzstein darauf hin, dass es in Bobstadt vier Starkregenereignisse innerhalb von 8 Jahren gab, nach der Statistik diese aber nur alle 20 bis 30 Jahre eintreten würden. Auf den Übersichtskarten links und rechts des Saaleingangs schauten die Besucher nach, welches Risiko für ihre Straße besteht. Die dunkel-violette Einfärbung für Bobstadt bildet diese erhöhte Gefährdung ab. Die Risikokarten sind die eine Seite - es gelte Lösungen zu finden. Dies sei eine kommunale Gemeinschaftsaufgabe betonte Kilian im Einklang mit Bürgermeisterin Barbara Schader. Erste kommunale Handlungsempfehlungen hat die Stadt Bürstadt bereits aufgegriffen, wie Bürgermeisterin Schader ausführte. Was die Bürger und Hauseigentümer vorsorglich tun können, erfuhren die Veranstaltungsbesucher von den Referenten. Ein Ergebnis ist bereits klar: Das Kanalnetz kann nicht für diese Risikofälle ausgelegt werden. Wetzstein machte deutlich, dass größere Kanalrohre das Problem nicht lösen könnten, sie müssten tiefer verlegt und die Hausanschlüsse angepasst werden. Der Platz in den engen Straßen mit weiteren Versorgungsleitungen reiche nicht aus, auch würden solche Maßnahmen Jahrzehnte brauchen, die Kosten wären nicht tragbar. In großen Rohren ohne Gefälle würden bei Trockenwetter Grobstoffe liegen bleiben, es würde stinken, verstärkte Spülungen wären nötig. Bobstadt gehöre zum Sturzfluttyp „Flachland“ mit langsamem Wasserabfluss von weniger als 0,5 Metern pro Sekunde. Allerdings sind für die zu kleinen Kanäle in der Nordstraße die Planungen für das kommende Jahr und die Sanierungsmaßnahmen für 2023 vorgesehen, teilte Bürgermeisterin Schader mit. In die Haushaltsplanungen nach der Sommerpause soll dies einfließen.
Was ist zu tun?
Joachim Kilian (hinten links) und Andreas Wetzstein von Unger Ingenieure aus Darmstadt beantworteten nach der Präsentation ihrer Grundlagenergebnisse zahlreiche Bürgerfragen. Foto: Hannelore Nowacki
Die Referenten informierten über mehrere Lösungsansätze für einen angemessenen Überflutungsschutz. An der Oberfläche müsse geschaut werden: Im Bireck beispielsweise gebe es keine Bordsteine, zudem seien Straßenflächen zu den Kellern hin geneigt, mit fatalen Folgen. Schon bei einer Bordsteinhöhe von 5 Zentimetern könnte die Flut häufig aufgehalten werden. Die Empfehlung: Selbst Objektschutz betreiben durch Schutzvorrichtungen wie kleine gemauerte Erhöhungen, die Fachleute nennen das Aufkantungen, oder für die Kellerfenster eine Plexiglasabdichtung, Dammbalken an Türen, eine Rückstauklappe und vieles mehr. Hydraulische Schwachstellen lassen sich entschärfen vor allem durch die Vermeidung von Flächenversiegelungen am Haus, weniger Pflaster, mehr Grün. Nach dem Wasserhaushaltsgesetz § 5 Abs. 2 seien die Bürger sogar zu Vorsorgemaßnahmen zum eigenen Schutz verpflichtet. Der Kommune wird empfohlen, vor allem bei Neubaugebieten die Straßengestaltung anzupassen, Begleitgrün anzulegen, auf größere Straßenabläufe und Versickerungsflächen zu achten. Eine wichtige Aufgabe sei die Sensibilisierung der Bürgerschaft wie durch diese Infoveranstaltung. Die soll es laut Bürgermeisterin Schader auch für Bürstadt und Riedrode geben. Zahlreiche Fragen von Bürgern zu ihren persönlichen Anliegen wurden im zweiten Teil beantwortet. Harald Klotz und Oswin Klees vom Tiefbauamt nahmen die Informationen auf. Die Präsentation der beiden Referenten mit weiteren Links und der Link zum Leitfaden „Starkregen“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung können als PDF-Datei von der Homepage der Stadt Bürstadt heruntergeladen werden. Hannelore Nowacki