Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine in der Wilhelmstraße / Die besondere Art des Gedenkens an die Opfer des Nazimordprogramms
Stolpern mit dem Kopf und dem Herzen
Die niveaugleich in das Pflaster eingelassenen Gedenksteine laden ein zum Nachdenken. „Stolpersteine“ erinnern an die Menschen, die hier gelebt hatten, bis sie in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Wie Bürgermeister Gottfried Störmer legten auch andere Teilnehmer der Zeremonie rote Rosen nieder. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Nun hat Lampertheim sieben Stolpersteine. Der erste wurde 2007 zum 60. Todestag von Pater Alfred Delp gelegt. Die neuen Stolpersteine erzählen von der jüdischen Familie Bär, von der wohl nur der Vater überlebte, weil er noch nach England ausreisen konnte. Im Jahr 1938 verzogen sie unfreiwillig von Lampertheim nach Frankfurt. Zwei Familienmitglieder wurden in Konzentrationslagern ermordet, das Schicksal der anderen ist unbekannt. Die kleine Baustelle auf dem Gehweg vor der Hausnummer 46 in der Wilhelmstraße erregte am Donnerstagmorgen um neun Uhr einiges Aufsehen. Die Zuschauerrunde der offiziellen Teilnehmer beobachtete die Szenerie gebannt, einige hielten eine rote Rose in der Hand, unter ihnen Bürgermeister Gottfried Störmer, Erster Stadtrat Jens Klingler, Altbürgermeister Erich Maier, Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass und Fraktionsvorsitzender Hans Hahn (SPD) sowie Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Besonders freute es Bürgermeister Störmer, dass auch Ehrenbürger Heinrich Karb und die heutigen Hausbesitzer Margareta Kohl und Heinz Kohl gekommen waren.
Die frischen Rosen verwelken, die beschrifteten Messingplatten sollen ihre Botschaft dauerhaft mitteilen und die Vorübereilenden immer wieder zum Innehalten bringen. Foto: Hannelore Nowacki
Passanten blieben stehen oder machten einen Bogen um den Handwerker, der ein Künstler ist: Gunter Demnig hat es sich zur Aufgabe gemacht, überall in Deutschland und Europa diese besonderen Gedenksteine in Gehwegen einzulassen. Als er seine Arbeit vollendet hatte, ein letztes Mal mit einem Tuch das Messing blank gewischt hatte, erzählte er der Zuschauerrunde von seinem Stolpersteinprojekt, das er schon seit vielen Jahre fortführt. 45.000 Stolpersteine habe er bisher verlegt, sie liegen in Dänemark, an der französischen Atlantikküste, 350 Kilometer südlich von Moskau und in 923 Städten und Gemeinden in ganz Deutschland. Sie alle weisen auf konkrete Schicksale von verfolgten und ermordeten Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus hin. „Man fällt nicht hin“, habe er einmal einem Jungen den Sinn der Stolpersteine erklärt. „Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“. Mit Bürste, Besen und Hammer geht Gunter Demnig zu Werke, seine Knie spüren diese Arbeit, aber das nimmt er gelassen. Jedes Jahr hat die Stadt Lampertheim einen Betrag von tausend Euro in ihrem Haushalt für das Verlegen von Stolpersteinen vorgesehen, so hatte es die Stadtverordnetenversammlung am 2. November 2012 beschlossen. Ein Stein kostet etwa 120 Euro. Die Liste verfolgter früherer Lampertheimer Bürger solle vervollständigt werden, kündigte Bürgermeister Störmer an. Vertiefte Informationen bietet Gunter Demnig im Internet unter www.stolpersteine.eu an. Nach der Niederlegung der Rosen ging die Zeremonie zu Ende. Hannelore Nowacki