Mi., 19.08.2026
Die Gratiszeitung für Lampertheim und das hessische Ried
  • Startseite
  • Sport
  • Termine
  • Stellenmarkt
  • Do., 10. Februar 2022, 09:08 Uhr
    ZEICHEN DER ERINNERUNG: Vier Stolpersteine zum Gedenken an Familie Hochstädter in der Martin-Kärcher-Straße verlegt 

    Stolpern mit dem Kopf und mit dem Herzen

    Zum Gedenken an Hochstädter wurden an den Stolpersteinen in der Martin-Kärcher-Straße 47 Rosen niedergelegt. Foto: Benjamin Kloos


    LAMPERTHEIM – Jeder Stolperstein, den Gunter Demnig in Europa, Deutschland und Lampertheim verlegt, ist ein sichtbares Zeichen wider das Vergessen und erzählt von einem Leben, das meistens mit Verfolgung, Deportation und Ermordung in einem Konzentrationslager endete. Ein Schicksal, das in Nazi-Deutschland und Europa unter Hitler sechs Millionen Juden traf, eine unfassbare Zahl. 

    In Lampertheim fand am Mittwoch in der Martin-Kärcher-Straße 47 die neunte Verlegung von Stolpersteinen statt, die an das Schicksal von Familie Hochstädter erinnert – an Moritz Hochstädter, seine Frau Anna Hochstädter und die beiden Töchter Helene und Margarete Hochstädter. Zur Familie Hochstädter gehörte auch Tochter Magda Hochstädter. Allerdings ist für sie von Seiten der Stiftung „Stolpersteine” kein Stein eingeplant, da sie am 22. Juni 1929 nach New York emigrierte und so den Repressalien der Nationalsozialisten entging. Damit sind in Lampertheim mittlerweile 50 dieser wichtigen Gedenksteine zur Erinnerung an vergangene Gräueltaten wie auch als Mahnung für die Zukunft zu finden.  

    Bürgermeister Gottfried Störmer erläuterte zu Beginn, dass Gunter Demnig im berichtet habe, dass es immer mehr Stolpersteine gibt – insgesamt in 26 europäischen Ländern. „Die Nachfrage reißt nicht ab und wir freuen uns, heute auch wieder eine Stolpersteinverlegung in Lampertheim durchführen zu können.” Er dankte der Hausbesitzerin, dass die Steine hier vor dem ehemaligen Haus von Familie Hochstädter verlegt werden dürfen und stellte klar: „Unsere Aufgabe ist es,  zu verhindern, dass eine solche Zeit niemals wiederkommt.” 

    An der Stolpersteinverlegung nahmen auch Schülerinnen und Schüler sowie Mitglieder des Kollegiums des Goethe-Gymnasium in Bensheim teil. Dieses feiert 2022 sein 150-jähriges Schuljubiläum. Die damalige „Höhere Töchterschule” hatte eine ganze Reihe jüdischer Schülerinnen, bis 1936 das letzte jüdische Mädchen die Schule verließ. Anlässlich des Schuljubiläums hat die Schule das Projekt „Stolpersteine für unsere ehemaligen Schülerinnen und ihre Familien” ins Leben gerufen. Hierbei konnten Schülerinnen und Schüler die Geschichte sehr vieler Familien rekonstruieren und mit Angehörigen in Kontakt treten – im Fall von Familie Hochstädter beispielsweise mit Marian Steen, Tochter von Helene Hochstädter. Ursprünglich hätte Paula Lamb, die Gelegenheit hatte, mit den Angehörigen von Helene Hochstädter zu korrespondieren, die Lebensgeschichte in einem Vortrag zu beleuchten – doch leider war sie krankheitsbedingt verhindert und so trug Anna Pallakst in beeindruckender Art und Weise wichtige Punkte aus dem Leben von Familie Hochstädter vor. Dabei wurde deutlich, wie verwurzelt die Familie, die zunächst in Bürstadt und dann in Lampertheim in der ehemaligen Boxheimerhofstraße und heutigen Martin-Kärcher-Straße lebte, in ihrer Heimat war und wie viele Freunde sie hatte. Zum Glück – denn so erhielt Familie Hochstädter auch in schwierigen Zeiten wenigstens noch etwas Hilfe. So schilderte Anna Pallakst, wie eine Lebensmittelhändlerin in einer Zeit, in der es für beide Seiten gefährlich war, dass Familie Hochstädter offen im Geschäft einkaufte, anbot, dass diese einen Korb mit der Einkaufsliste hinter dem Haus abstellte und sie diesen dann entsprechend füllte. Und auch von Seiten der Polizei erhielt Familienvater Moritz Hochstädter die Warnung, dass eine harte Zeit für Juden kommen würde. Letzterer war übrigens wie viele weitere jüdische Männer aus Lampertheim zeitweise im KZ Osthofen interniert, wo er sich immer wieder gegenüber der SS behauptet. Allerdings wurde ihm, der während des 1. Weltkrieges mehrfach als Soldat ausgezeichnet worden war, hier auch klar, dass seine Familie nicht bleiben könne sondern fliehen müsse. 

    Nachdem Magda Hochstädter bereits 1929 nach New York emigriert war folgte ihr im Jahr 1934 Helene Hochstädter. Moritz Hochstädter und seine Frau Anna flohen gemeinsam mit ihrer Tochter Margarete, genannt Gretel, 1936 nach Südafrika, da sowohl Gretel  aufgrund einer chronischen Krankheit als auch Moritz aufgrund seiner Diabetes-Erkrankung nicht in die USA auswandern durften.

    Gedachten der Opfer des Nationalsozialismus: Der Erste Stadtrat Marius Schmidt, Bürgermeister Gottfried Störmer und Anna Pallakst, Schülerin des Goethe-Gymnasium Bensheim (v.l.). Foto: Benjamin Kloos


    „Familie Hochstädter war eine angesehene Familie, deren Leben 1933 zerbrach. Auch wenn Freunde und Bekannte halfen, zerstörte die Flucht ihre Existenz und trennte die Familie auf zwei Kontinente”, schloss Anna Pallakst den bewegenden Bericht.

    Erinnerung wachhalten

    Der Erste Stadtrat Marius Schmidt betonte die Bedeutung dieser wichtigen Erinnerung an Menschen, die als Freunde und Nachbarn hier gelebt haben und mahnte gleichzeitig, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe. Es gelte, gemeinsamer Friede, Menschlichkeit, Freiheit und Toleranz einzustehen.

    Marian Steen, die Tochter von Helene Hochstädter, meldete sich live aus St. Louis in den USA – zunächst kurz in deutscher und dann in englischer Sprache betonte sie, dass sie stolz sei, bei dieser Veranstaltung beteiligt zu sein und dass die Erinnerung an ihre Familie so am Leben gehalten wird. Dabei präsentierte sie auch alte Familienfotos, unter ihnen auch das Hochzeitsfoto ihrer Mutter. Marian Steen beschrieb zudem den Lebensweg ihrer Mutter – mit beeindruckenden Worten erreichte sie dabei die Herzen der zahlreichen Zuhörer, die den Weg zur Stolpersteinverlegung gefunden hatten – darunter auch Vertreter aller vier Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung. Abschließen betonte Marian Steen, dass sie und ihre Familie im Juli nach Lampertheim kommen werden, um die Stolpersteine und die ehemalige Heimat ihrer Mutter zu besuchen.

    Zum Abschluss der Stolpersteinverlegung legten Bürgermeister Störmer, der Erste Stadtrat Schmidt sowie Anna Pallakst eine Rose nieder und gedachten im Stillen der Opfer des Nationalsozialismus. Benjamin Kloos

    Gunter Demnig verlegte am Mittwoch Stolpersteine in Gedenken an Familie Hochstädter. Foto: Benjamin Kloos

    Beitrag aus der Rubrik

    » Lampertheim und Stadtteile
    » Lokal
    Anzeige Online StellenmarktAnzeige dkge 1x1Anzeige dkge 2x2
    Anzeige NK Worms und RheinhessenAnzeige TicketshopAnzeige 3 Anzeige - 1