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  • Di., 31. Oktober 2023, 15:07 Uhr
    ANWOHNERVERSAMMLUNG: Container-Village für 112 ukrainische Kriegsflüchtlinge bis zum Jahresende bezugsfertig / Verwaltung stand Rede und Antwort / Weiterentwicklung zum Wohnquartier

    Ungewissheit bereitet Unbehagen

    Die Anwohner der Industriestraße und Umgebung konnten am Montagabend in der Hans-Pfeiffer-Halle Informationen aus erster Hand über die geplante Unterkunft für Geflüchtete einholen. Foto: Steffen Heumann


    LAMPERTHEIM – Nicht alle Ängste und Sorgen konnten im Verlauf des Montagabend in der Hans-Pfeiffer-Halle bei der Anwohnerversammlung über die geplante Unterkunft für Geflüchtete ausgeräumt werden. Lampertheims Erster Stadtrat Marius Schmidt skizzierte zunächst den aktuellen Sachstand. Um die ukrainischen Kriegsflüchtlinge aus der Randlage der Wildbahn näher an die Kernstadt zu bringen, sei die Idee gereift, diese in vier Container-Villages in die Industriestraße zu verbringen, so Schmidt. Ein weiterer Aspekt: Zahlreiche Kinder besuchen bereits Intensivklassen in der Pestalozzischule. Und es handelt sich um Geflüchtete mit Bleibeperspektive! Einigkeit habe im Vorfeld der Planungen darüber bestanden, dass man bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft keine Schul- oder Sporthallen in Beschlag nehmen wollte.

    Integrationsprozess in der Industriestraße fortsetzen

    Die Stadt habe Mietverträge für sechs Container im Stadtgebiet mit einer Dauer von drei Jahren abgeschlossen. „Wir standen unter dem Druck, schnell Wohnraum schaffen zu müssen“, erklärte Marius Schmidt. Neben der sozialpädagogischen Betreuung seien das Lernmobil und die Gemeinwesenarbeit weitere Partner vor Ort, um den erfolgreichen Integrationsprozess in der Industriestraße fortzusetzen. „Wir gehen diese Aufgabe professionell an“, führte Marius Schmidt aus. Man trage dabei sowohl für die Menschen in der Unterkunft, als auch das Umfeld Sorge. Ein Sicherheitsdienst sei rund um die Uhr vor Ort, zudem gäbe es eine Hausordnung, an die sich auch die Bewohner der Container-Anlage halten müssten.

    Können nur reagieren

    Matthias Schimpf, Erster Kreisbeigeordneter, verdeutlichte die Problematik. Der Kreis sei nicht mehr in der Lage, sämtliche Flüchtlinge unterzubringen. Daher leiste die Kommune bei der Suche nach freien Flächen oder Möglichkeiten der Unterbringung Hilfe. Für 4.000 Flüchtlinge sei der Kreis verantwortlich, darunter 2.800 ukrainische Kriegsflüchtlinge. Die Hälfte davon haben man privat unterbringen können. Weitere 1.200 Flüchtlinge kämen aus sogenannten Drittstaaten. Für das 4. Quartal rechnet der Kreisbeigeordnete mit einem weiteren Anstieg an Direktzuweisungen. In Bensheim, Heppenheim, Lindenfels und Bürstadt verfüge man noch über gewisse Puffer, um das Maß an Steuerung beibehalten zu können. Die größte Fluchtgruppe aktuell: Menschen aus der Türkei! Das Dilemma, wie Schimpf betont: „Wir wissen nicht, wann dieser Prozess endet!“ Man stehe im engen Dialog mit der Kommune und dem Land, „aber wir reagieren nur“.

    Streitigkeiten eher untereinander

    Die Vorlaufzeit betrage rund 10 Tage. „Dann kommt der Tag X“, berichtet Matthias Schimpf aus der Praxis. 30 Prozent der Menschen seien nicht identisch mit der Liste der Zuweisungen, was eine Unterbringung zusätzlich erschwere. Positiv sei anzumerken, was auch Marius Hilge seitens der Polizei bestätigte, dass die Zahl der Flüchtlinge keinerlei Auswirkungen auf eine Erhöhung der Fallzahlen von Gewaltdelikten oder Diebstahl im Bereich des Polizeipräsidiums habe. „Bislang ist hier kein signifikanter Anstieg zu beobachten“, wie Hilge als stellvertretender Leiter der Dienststelle Lampertheim konstatierte. „Es sind eher Streitigkeiten untereinander, aber das schwappt nicht über“, so der Beamte. Bei Beobachtungen möglicher Delikte appellierte Marius Hilge an die Versammlung wie gewohnt die Polizei zu verständigen.

    Nachverdichtung durch bezahlbare Wohnungen

    Die konkrete Anordnung der 6,5 Meter hohen zweistöckigen Container auf dem ehemaligen Energieried-Gelände stehe noch nicht fest, erläuterte Dietmar Lidke, Immobilienmanagement der Stadt, auf Anwohner-Nachfrage. Man sei noch mit den Versorgern in Diskussion, um Versorgungsleitungen effizient einzusetzen. In jedem Fall aber würden die Abstandsflächen zur Nachbarschaft eingehalten. „Was kommt nach den Containern?“, wollte eine Bewohnerin aus dem Kiesweg wissen. „Auf Asylanten folgten Obdachlose, die die Wohncontainr mehrfach in Brand steckten“, erinnerte die Rednerin Marius Schmidt entgegnete, dass auf dem Areal in der Industriestraße bezahlbare Wohnungen entstehen sollen, sobald das Baurecht erwirkt sei. Auch die Belange der Anwohner würde man in die Planungen einbeziehen. Befürchtungen, dass die Gegend wieder zum „Wilden Westen“ mutieren könnte, äußerte ein Anwohner aus dem Sperlingweg. „Flüchtlinge ja, aber keine Drogenabhängigen mehr“, merkte der Anwohner an und erntete dafür Applaus.

    „Wir lassen da niemanden alleine“

    Marius Schmidt und Matthias Schimpf konnten diese Vorbehalte ausräumen. Die Ausnahme, dass im eigentlichen Gewerbegebiet Wohnen erlaubt wird, sei vom Gesetzgeber nur bis 2027 befristet. „Die Arbeit beginnt mit der Sekunde, in der der Bus mit den Geflüchteten ankommt“, entgegnete Marius auf die Frage nach der Intensität der Betreuung vor Ort. Auch in der Wildbahn sei man nahezu täglich vor Ort. Jeder Bewohner im Container werde einem Profiling unterzogen, dadurch würden unter anderem Sprachkenntnisse genutzt. „Wir lassen da niemanden alleine“, stellte der erste Stadtrat fest. 2,75 Stellen seien mit Sozialarbeitern hierfür besetzt. „Warum ausgerechnet in der Industriestraße 40?“, nahm eine besorgte Anwohnerin Bezug auf die Standortwahl. „Nicht ganz ohne Handlungsdruck“, gestand Marius Schmidt ein. Allerdings habe man auch andere Ideen verfolgt, die sich dann aber zerschlagen hätten.

    Die Verwaltung in Person von Bürgermeister Gottlieb Störmer und Erstem Stadtrat Marius Schmidt sowie Dietmar Lidke, Immobilienmanagement, stand Rede und Antwort. Kompetente Unterstützung gab es durch Matthias Schimpf (am Mikrofon). Foto: Steffen Heumann


    Bis zu 11 Container möglich

    Dass die räumliche Enge des Quartiers für zusätzliche Sprengkraft sorgen könnte, wollte der Erste Stadtrat nicht gelten lassen. Man wisse zwar nicht, welche Herausforderungen noch auf die Kommune zukommen. Durch den engen Dialog mit dem Kreis habe man jedoch eine doppelte Filterfunktion. So kämen auch später nur Flüchtlinge mit Bleibeperspektive für die Industriestraße in Betracht. Andere würden zunächst in der Wildbahn untergebracht. Bürgermeister Störmer ergänzte: „Es gab viele Überlegungen, aber ein geeigneter Standort musste letztlich auch baulich und baurechtlich passen". Den Wunsch nach mehr Sicherheit trug eine jüngere Anwohnerin aus dem Sperlingweg vor. Blickdichte Bepflanzung zur Nachbarschaft einerseits, aber auch mehr Präsenz von Security und Polizei wurde angeregt – vor allem abends entlang der Alltagswege oder beim Gassigehen mit dem Hund. Am Beispiel von Bürstadt, wo zur Zeit 98, zumeist männliche Flüchtlinge aus Syrien untergebracht seien, habe es auch aufgrund eines guten Konzeptes bislang keine Beanstandungen gegeben, fügte Matthias Schimpf an. Ob es denn bei vier Containern auf dem 6.000 Quadratmeter umfassenden Areal bleibe, war eine der Schlussfragen aus dem Plenum. „Wir fahren auf Sicht bei dichtem Nebel“, so Marius Schmidt ausweichend mit dem Verweis auf die aktuellen bedarfsgerechten Planungen. Eine Antwort, die die Anwohner nicht zufrieden stellte. Natürlich sei das Gelände mit vier Containern nicht ausgeschöpft, bekannte Schmidt. Es seien auch bis zu 11 Container möglich, räumte der Erste Stadtrat schließlich ein. Die Vorstellung von rund 350 Geflüchteten, die in der Industriestraße Einzug halten könnten, sorgte für ein Raunen in der Halle. „Neben der Sachlichkeit ist das Thema auch emotional behaftet“, zeigte Gottfried Störmer abschließend Verständnis für die Belange der Anwohner. Der Bürgermeister machte allerdings deutlich: „Es ist unsere Aufgabe, Lösungen zu finden, und zwar die bestmögliche für Lampertheim“. Dabei stehe man in der Verpflichtung ein Ergebnis zu präsentieren. Störmers Angebot: bei Anregungen und Fragen den Dialog mit der Verwaltung fortsetzen!

    Steffen Heumann

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