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    SOMMERTOUR: Quer durch Südhessen / landesweites Volksbegehren „Verkehrswende Hessen“ gibt Anlass für Überzeugungsarbeit

    Verkehrswende noch in weiter Ferne

    Auf dem Bahnhofsvorplatz in Bürstadt berichtet Martina Moldon (3. v. links), wie der ADFC Kreisverband Bergstraße sich für den Rad- und Fußverkehr in der Region stark macht. Foto: Netzwerk bergstraße.mobil


    SÜDHESSEN – Auf seiner zehneinhalb stündigen Sommertour durch Südhessen am 17. Juli machte das Netzwerk bergstraße.mobil zusammen mit ADFC, BUND, Anders Mobil Odenwald und Klimabündnis Bergstraße Halt an vier Stationen, um auf den dringenden Handlungsbedarf für eine Verbesserung des Fuß- und Radverkehrs sowie des ÖPNV in der Region aufmerksam zu machen. Anlass war die Unterschriftensammlung zum landesweiten Volksbegehren „Verkehrswende Hessen“. Die beteiligten Organisationen übergeben die Unterschriften am 28. August dem hessischen Verkehrsminister in Wiesbaden.

    Pünktlich um 10.13 Uhr starteten die elf Teilnehmenden von Bensheim aus zur ersten Station der Tour nach Bürstadt. Dort berichtete Martina Moldon, Mitglied im Kreisvorstand des ADFC Bergstraße, über die Historie und Aktivitäten des Kreisverbandes. Dieser organisiert neben Fahrrad-Codierungen, Freizeit-Radtouren für alle Interessierten ebenfalls verkehrspolitische Aktionen, um für die Belange von Radnutzern zu sensibilisieren. Ein Beispiel dafür ist der „Fahrrad-Klima-Test“ – ein alle zwei Jahre stattfindendes Ranking und Monitoring über die Qualität der Radinfrastruktur in deutschen Kommunen. Hier belegte Bürstadt beispielsweise den 357ten Platz von insgesamt 418. Außerdem ist der ADFC Partner der bundesweiten Aktion „Stadtradeln“. Diese wird von einem internationalen Städtenetzwerk – dem Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder / Alianza del Clima e.V. – veranstaltet, das sich als Ziel gesetzt hat lokale Antworten auf den globalen Klimawandel zu finden. Neben Radfahrenden hat der ADFC auch die Interessen von zu Fuß gehenden im Blick, wenn er sich in politischen Gremien einbringt.

    Übergangstarif und Verbindungslücken im Bahnnetz „schwer vermittelbar“

    In Gernsheim erwartete die Teilnehmer ein Kurzvortrag zum RMV-VRN-Übergangstarif und zu den Angebotslücken zwischen den Metropolregionen Rhein/Main und Rhein/Neckar von Peter Castellanos. Zwischen Groß-Rohrheim und Riedstadt-Goddelau klaffe nicht nur eine drei Stationen große Lücke zwischen den Endpunkten der S7 der S-Bahn Rhein-Main und der S9 der S-Bahn Rhein-Neckar, sondern auch eine Verbundgrenze mit verbesserungswürdigem Übergangstarif. Das gleiche gelte für den Abschnitt Zwingenberg – Darmstadt entlang der Bergstraße. „Möchte man z.B. von Gernsheim, Biebesheim oder Bickenbach in die Mannheimer oder Heidelberger Innenstadt muss man sich zwei Fahrscheine an zwei verschiedenen Orten kaufen. Ein weiteres Problem ist, dass man Fahrscheine des Übergangstarifs nirgends digital erwerben kann. Das ist schwer vermittelbar und weckt besonders bei Gelegenheitskunden kaum Begeisterung für eine Nutzung des ÖPNV“, beschreibt der Sprecher von bergstraße.mobil die aktuellen Schwierigkeiten. Dringend nötig seit daher eine Ausweitung des räumlichen Geltungsbereichs des aktuellen RMV-VRN-Übergangstarifs, ergänzt um ein bundesweit gültiges Tarifangebot für den Nah- und Fernverkehr, das auch deutlich mehr, als 9 Euro pro Monat kosten dürfe. Genug Gesprächsstoff für das nächste öffentliche Netzwerktreffen am 15. September, zu welchem die Leiter der Tarifabteilungen des RMV und VRN eingeladen wurden, ist offensichtlich vorhanden.

    Als weiteres Problem beschreibt Castellanos die Mobilität zwischen den Zentren entlang der Bergstraße und Groß-Rohrheim sowie dem Landkreis Groß-Gerau. Hier fehle weiterhin eine Busverbindung, damit die Fahrt mit dem ÖPNV deutlich zügiger, als dem Doppelten einer Fahrt mit dem Pkw zurückgelegt werden könne. Die Rück-Einkürzung der LNVG-Buslinie 44, die kurz vor Ausbruch der der Corona-Pandemie ab Klein-Rohrheim bis Groß-Rohrheim verlängert wurde, sei ebenfalls ein großer Fehler gewesen weil dadurch die kleinräumige Erschließung der betroffenen Riedgemeinden verschlechtert wurde. „Noch bevor sich das Angebot wirklich etablieren und einen Anschluss an die S9 von und nach Mannheim herstellen konnte, wurde es einfach eingestellt. Ein Paradebeispiel für eine schlecht gelaufene kreisübergreifende Kooperation“.

    Besondere Herausforderung: Verkehrswende im ländlichen Odenwald

    Vom Gernsheimer Bahnhof aus – wo die Gruppe fast ihren Bus verpasst hätte, da eine baustellenbedingte Linienwegabweichung nur unzureichend an der Haltestelle kommuniziert wurde und der Busfahrer dann auch noch zwei Minuten vor der eigentlichen Abfahrt losfahren wollte – wurde die Fahrt über Griesheim, Darmstadt und Groß-Umstadt nach Michelstadt fortgesetzt. Dort wurden die Teilnehmenden von Tanja Hergenhahn, Sprecherin von Anders Mobil Odenwald in Empfang genommen. Die 2020 im Zuge der aufgeflammten Klimabewegung gegründete Gruppe versucht durch lokale Demonstrationen und Pressearbeit die Verkehrswende im Odenwaldkreis voranzutreiben. Und das scheint auch Früchte zu tragen: „Das Quorum von einem Prozent für das hessenweite Volksbegehren haben wir im Odenwaldkreis schon erreicht“, freut sich Hergenhahn. Enttäuschend sei, dass das Radverkehrskonzept des Odenwaldkreises leider nicht in der notwendigen Geschwindigkeit umgesetzt werde.

    Mit der Odenwaldbahn thematisierte Peter Castellanos am Bahnhof Hetzbach eine Erfolgsgeschichte, die bisher nur durch das Bewertungsverfahren für die Akquise von Bundes-Fördermitteln (sog. „Standardisierte Bewertung“) ausgebremst wurde. Im Jahr 2020 haben alle Anliegerkommunen zusammen mit dem RMV in der „Erbacher Erklärung“ den Willen für Taktverdichtungen und den infrastrukturellen Ausbau – u.a. Bahnsteigverlängerungen für längere Züge und teilweise zweigleisige Abschnitte – der Bahnstrecke, die von Eberbach am Neckar über Erbach nach Darmstadt, Hanau und Frankfurt führt, bekundet. Die „vorerst letzte Hoffnung“ für deren Ausbau sei – so Castellanos – die Anfang Juli durch das Bundesverkehrsministerium veröffentlichte Fortschreibung der Standardisierten Bewertung.

    Diese enthalte unter anderem lange durch Fachkreise geforderte neue Nutzenkomponenten und eine Nichtanrechnung von gesellschaftlich auferlegten Kosten für Barrierefreiheit und Brandschutz. Damit könnten Investitionen in Bahninfrastruktur, wie der Odenwaldbahn, künftig auf ein besseres Nutzen-Kosten-Verhältnis kommen und damit förderfähig werden.

    Ein positives Beispiel für eine kreisübergreifende Kooperation im ÖPNV sei die Ende 2019 eingerichtete Rufbusverbindung von Grasellenbach – dem Endpunkt der täglich und im Takt bedienten VRN-Buslinien 667 und 681 – über Mossautal nach Michelstadt und Erbach. „Damit wurde eine lange klaffende, unsinnige Lücke im Busnetz geschlossen“. Als nächstes müsse auch die im Nahverkehrsplan des Kreises Bergstraße als Mangel festgestellte Lücke zwischen Grasellenbach (Kreis Bergstraße) und Reichelsheim (Odenwaldkreis) beseitigt werden. Hierzu müssen sich beide Kreise aufeinander zubewegen, damit die kreisübergreifende Mobilität im oberen Ulfenbachtal und dem Ostertal verbessert werden kann.

    Veraltete Rechtsgrundlagen behindern Verkehrswende

    Zum Abschluss der Tour fast am südlichsten Zipfel Hessens in Hirschhorn zeigte sich Castellanos bei seinem Fazit zur Tour erfreut über die hohe Resonanz auf die Veranstaltung und das Engagement der lokalen, ehrenamtlich tätigen Organisationen zugunsten einer Verkehrswende. Ohne dieses sei eine Energiewende und ein Erreichen der Klimaziele unmöglich. „Wir haben heute von einigen positiven, verkehrspolitischen Entwicklungen auf allen Verwaltungs- und Politikebenen erfahren. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass das für eine wirkliche Verkehrswende leider noch nicht genügt. Eine Ursache dafür sind die veralteten Rechtsgrundlagen. Umso wichtiger ist es, das landesweite Volksbegehren für eine Verkehrswende zum Erfolg zu führen, bei der Landtagswahl 2023 auf die Inhalte der Parteiprogramme zu achten und entsprechend zu wählen. Alle Wahlberechtigten können ihren Beitrag leisten.“, so Castellanos abschließend.

    Unterschriftenbögen zum Volksbegehren gibt es an vielen Sammelstellen in ganz Hessen. Diese können unter www.verkehrswende-hessen.de/sammelstellen einfach gefunden werden. An der Adresse von bergstraße.mobil (Steinmetzweg 38, Bensheim, in Parallelstraße hinter Hotel Felix) können 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche mittels eines öffentlich zugänglichen Prospektkastens Unterschriftenbögen abgeholt und vor Ort wieder eingeworfen werden. Die Bilder-Doku zur Sommertour ist unter www.bergstrassemobil.de/nwt abrufbar. zg

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