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Fr., 05. November 2021, 10:59 Uhr
ÖKUMENE: Großes Interesse für 1. „Bergsträßer Rede“ in der Domkirche mit Bischof Peter Kohlgraf und Kirchenpräsident Volker Jung
Versuch Antworten zu geben – das Gewissen entscheidet ökumenisch
In der Diskussion um theologische Fragen mit dem Bergsträßer Dekan Arno Kreh (von links) und Pfarrer für Ökumene und Mission im Dekanat Tilman Pape standen Kirchenpräsident Volker Jung und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf Rede und Antwort. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – Was trennt und was verbindet die beiden „noch großen Kirchen“? Welche gemeinsamen Probleme haben die beiden christlichen Kirchen und kann die Ökumene Perspektiven für die Zukunft bieten? Der Präses des evangelischen Dekanats Bergstraße in Heppenheim Dr. Michael Wörner begrüßte das interessierte Publikum in der nach den geltenden Corona-Regeln voll besetzten Domkirche und sprach tatsächlich das entscheidende Wort „noch“ aus. Die evangelische Kirche verliere seit vier Jahren zwei Prozent ihrer Mitglieder jährlich, zuvor nur ein Prozent, ließ Wörner das Publikum wissen.Woher kommt dieser Mitgliederschwund? Das müsse einen Grund haben. Könnte ein als „schleppend empfundener Fortschritt in der Ökumene“ der Grund sein? Sind die Leute in den Gemeinden deutlich weiter in der gelebten Ökumene? Der Abend sollte Anstöße geben, kündigte Wörner an. Einig waren sich die beiden Referenten, der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf und der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) Volker Jung, dass der Präses mit seinen einführenden Worten provoziert habe. Das sei durchaus Absicht gewesen, erklärte Präses Wörner im Gespräch mit dem TIP. In der Domkirche wurde am Donnerstagabend der ökumenische Dialog gepflegt – auf der hohen Ebene der Kirchenleitungen beider Konfessionen in der Region Bergstraße und Bistum Mainz. Eingeladen hatte das Evangelische Dekanat Bergstraße zu dieser ersten „Bergsträßer Rede“, ein neues Format mit jährlicher Fortsetzung und jeweils „hochkarätigen“ Referenten und Diskutanten, wie Präses Wörner erläuterte. Bischof Kohlgraf wandte sich mit seinem Impulsreferat an die Damen und Herren und an die Schwestern und Brüder in der Zuhörerschaft und machte deutlich: „Wir reden über zwei verschiedene Konfessionen innerhalb eines Glaubens an Jesus Christus“. Kohlgraf skizzierte die Entwicklung des ökumenischen Gedankens auch aus der Erinnerung an sein 1986 begonnenes Studium, als es Papiere zur Konvergenzdebatte gegeben habe. „Die Menschen haben gemerkt: Uns verbindet sehr viel mehr als uns trennt“. Die Situation sei schwieriger geworden mit der Auffassung des damaligen Kardinals Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI., der im Jahr 2000 in „Dominus Jesus“ verkündet habe, dass die evangelische Kirche im eigentlichen Sinne keine Kirche sei. Bischof Kohlgraf nennt dies „den großen Schlag“, dem später ein weiterer folgte, als Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Erfurt eine Abendmahlsgemeinschaft ablehnte. Vom „ökumenischen Winter“ habe damals der katholische Theologe Hans Küng gesprochen. Dagegen spreche Papst Franziskus von Freundschaft, Begegnung, Einheit und Frieden auf der Ebene der Beziehungen. Es gehe „stark um die Freiheit des Gewissens für die katholischen Christen“, betonte Kohlgraf. Positiv für den Fortschritt der Ökumene und einer sich entwickelnden Sensibilität wertet er die Reformationsfeier im Jahr 2017 als „Christusfest“. Was Ökumene für ihn selbst bedeutet, machte Bischof Kohlgraf am Beispiel „konfessionsverschiedener Paare“ deutlich, die er auch als „konfessionsverbindende Paare“ bezeichnet. Von einem prägenden Erlebnis berichtet er: Bei einem Besuch eines Paares habe er beiden die Kommunion geben wollen, der katholische Mann wurde von seiner evangelischen Frau seit Jahren gepflegt. Doch sie lehnte ab, in der Meinung „ich darf das nicht“. Respekt vor dem Gewissen sieht Bischof Kohlgraf nicht nur bei Paaren, ausdrücklich auch bei „einzelnen Menschen“. Allerdings seien viele Baustellen offen, was die praktische Umsetzung von Abendmahl und Eucharistie betreffe. Einen wichtigen Schritt vorwärts sieht durch den Ökumenischen Kirchentag im Mai, der in den Präsenzgottesdiensten die Teilnahme an Abendmahl und Eucharistie ermöglicht habe. Beide Kirchen seien eine wichtige gesellschaftliche Kraft, betonte Bischof Kohlgraf, auch am Beispiel von gemeinsamen Papieren zu Migration und Flucht und anderen gesellschaftlichen Fragen. Andererseits führe der Prozess der nicht aufzuhaltenden Säkularisierung der Gesellschaft zum Rückgang der Mitglieder und Finanzen, was aber nicht als Schicksal zu nehmen, sondern pastoral zu gestalten sei – mit einem klaren Profil und dem Auftrag des Evangeliums: „Wir sind für die Menschen da“. Insgesamt eine Erfolgsgeschichte, meinte der Bischof.
„Wir werden kleiner werden“
Kirchenpräsident Jung begann seinen Impulsvortrag mit der Einschätzung: „Die Ökumene ist deutlich vorangekommen“. Eine entscheidende Weichenstellung und Stärkung der Ökumene sieht auch er beim Reformationsjubiläum vor vier Jahren – der Blick auf Jesus Christus sei der einigende Gedanke. Nachdem sein Vorredner bereits viele Aspekte abgearbeitet hatte, nahm sich der evangelische Kirchenpräsident des Themas an, das zur „fundamentalen Vertrauenskrise“ in beiden Kirchen geführt habe, die sexualisierte Gewalt. Wieder glaubwürdig zu werden, sei eine gemeinsame Herausforderung. Die Aufarbeitung sei in der evangelischen Kirche nicht weit genug gekommen, bedauerte Kirchenpräsident Jung. Die Menschen sollten wissen, dass es den Kirchen darauf ankomme Gemeinschaft zu stiften, nicht um die Bestandssicherung. „Wir werden kleiner werden“, ist sich Jung sicher. Dennoch ist die Zukunftsformel der Ökumene aus seiner Sicht: „Einheit in Vielfalt, mit zwei unterschiedlichen Perspektiven“. Was nicht bedeute, „dass wir eine Kirche werden“, betonte Jung. Anders als Bischof Kohlgraf will er nicht das Profil stärken, das bewertet er als abgrenzendes Verhalten. Jung richtet die Perspektive auf den weiteren Weg der „Ökumene der Gaben“ im „miteinander Gestalten“, im Stärken der Vielfalt.
Kirchenpräsident Volker Jung (links)und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sprachen über die Perspektiven der Ökumene – mit Gegensätzen, aber ohne Konfrontation. Foto: Hannelore Nowacki
Diskussion unter Theologen
Das Thema des Abends „Perspektiven der Ökumene – Die Zukunft der Kirche(n)“ wurde in der nachfolgenden Diskussion vertieft. Bischof Kohlgraf, der nach eigenem Bekunden früher Theologieprofessor war, und Kirchenpräsident Jung beantworteten Fragen des Bergsträßer Dekans Arno Kreh und des Pfarrer für Ökumene und Mission im Dekanat Tilman Pape zum persönlichen Erleben, zu privaten Vorlieben, zum Priestertum, zu digitalen Gottesdiensten, zur seelsorgerischen und mitmenschlichen Begleitung in der Coronazeit. „Wir hätten mehr tun müssen“, sagte Jung. Zum bisherigen Verständnis der beiden Kirchen als Volkskirchen, in denen man automatisch Mitglied wird und den Traditionen wie vorgegeben folgt, meinte Kohlgraf, dass sich in der säkularisierten Welt wie in Deutschland die Milieus verändert hätten, man müsse werben und ganz anders Kontakt aufnehmen. Dies sei kein Schaden. Und welche Menschen begeistern sie? Beide Kirchenvertreter nannten Menschen aus ihrem Umkreis, die für andere da sind und im diakonischen Sinn etwas tun. Die fehlenden Finanzmittel könnten die regionale Kooperation mit gemeinsamer Gebäudenutzung stärken, um die Präsenz zu erhalten, dachte Jung an. Auf katholischer Seite steht schon fest, dass nach Auflösung des Dekanats die ökumenischen Ansprechpartner in 46 Pfarreien zu suchen seien.Nach zwei Stunden waren zwar nicht alle Fragen gestellt, aber die geplante Zeit um eine halbe Stunde überschritten. Präses Wörner entließ Kirchenvertreter und Publikum mit dem Segen. Und was nimmt man mit von diesem Abend? Eine Besucherin aus Nordheim war enttäuscht. „Thema verfehlt“, war ihre vernehmlich geäußerte Meinung. Den lebendigen Bezug zur Praxis, zu den Themen an der Basis, vermissten andere Besucher der Veranstaltung. Aufmerksamkeit erregte die Gewissensfrage. An der Vleugels-Orgel sorgte Propstei-Kantor Konja Voll aus Bensheim mit Stücken von Bach, Max Reger, August Gottfried Homilius und eigenen Improvisationen für die jeweils stimmigen dynamischen und sanften Klänge, belohnt mit viel Applaus. Hannelore Nowacki