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  • Fr., 24. August 2018, 10:48 Uhr
    „50 Jahre 1968er“ – Professor Frank Deppe sprach als Zeitzeuge und Politikwissenschaftler

    „Warum sollten wir uns damit beschäftigen?“

    Professor Frank Deppe deutete das Thema „50 Jahre 68er“ als Politikwissenschaftler und Zeitzeuge – mit großem Durchhaltevermögen bei saunagleichem Klima im großen Saal der Zehntscheune. Foto: Hannelore Nowacki


    LAMPERTHEIM – Bei seinem Vortrag zum Thema „50 Jahre 1968er“ am Donnerstagabend im großen Saal der Zehntscheune hatte Professor Frank Deppe, der an der Marburger Universität Politikwissenschaft lehrte, über dreißig Zuhörer. Nach Augenschein waren die meisten wohl vor fünfzig Jahren schon im jungen Erwachsenenalter oder Jugendliche, doch auch Jüngere waren gekommen. Und was dem Professor in der anschließenden Diskussion sehr gefiel, ein ganz junger Zuhörer, ein Schüler, der mit dem Papa gekommen war, stellte ihm kluge Fragen. Waren mehr Interessierte zu erwarten oder weniger? Selbst einige Besucher waren sich im Gespräch mit dem TIP nicht ganz sicher in der quantitativen Einschätzung. Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit und dann stellt sich auch die Frage, die Professor Deppe selbst in den Raum warf: „Warum sollten wir uns damit beschäftigen?“ Einige Argumente sprechen für die Beschäftigung mit dieser Zeit um das 1968, die Deppe als Leitlinie in seinen Vortrag einzog: „Mit Geschichte kann man Politik machen“ und „Geschichte wird gemacht, Geschichtsschreibung wird von den Siegern geschrieben“. Der DGB-Kreisvorstand hatte ihn eingeladen, einen Zeitzeugen und auch Mitwirkenden in jener Zeit, wenngleich nach eigenem Bekunden allein wegen seines Alters mit dem Geburtsjahr 1941 nicht selbst ein echter „68er“: „Ich bin ein „Vor-68er“. Was im Rückblick durchaus von Bedeutung ist, denn recht schnell hatte die bewegte Phase der Revolte und Demonstrationen aus Sicht des Professors den Höhepunkt überschritten und machte als Zeit des Übergangs weiteren Entwicklungen Platz. Neue soziale Bewegungen wie die Anti-Atomkraft- und die Frauenbewegung entstanden. In diesem zeitgeschichtlich bedeutsamen Jahr 1968 hatte Deppe promoviert und begann seine berufliche Universitätslaufbahn. Den Gewerkschaften stand er immer nahe, wie sich aus seinem Vortrag ergab, hier und da auch kritisch. In den politischen Gremien sei er damals mit den linken „Traditionalisten“ für die praktische Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften eingetreten. Positiv sieht Deppe, dass sich die Gewerkschaften dem Protest gegen die Notstandsgesetze angeschlossen hatten, auch eine starke Streikbewegung habe es bis in die 70er Jahre gegeben. So habe Heinz Kluncker für seine ÖTV eine zehnprozentige Lohnsteigerung erreicht, was sich jedoch auch aus der Inflationsrate erklärte. Deppe begreift sich als marxistischer Politikwissenschaftler in der Tradition seines Lehrers Wolfgang Abendroth, ist nach eigener Aussage Mitglied der Partei „Die Linke“, ohne Funktion, aber nicht ohne Kritik, wie sich in der Diskussion auf Nachfrage zu seiner Einschätzung der angekündigten Sammlungsbewegung ergab. Der 77-jährige Professor Deppe hielt seinen lebendigen Vortrag im Stehen, mit eindrucksvoller Dynamik, über fast zwei Stunden, die zahlreichen Fragen beantwortete er anschließend im Sitzen. Draußen brachte ein Gewitter etwas Abkühlung, im Saal sorgte das Saunaklima für Durst und wohl auch für den Verlust der Klebekraft des aufgehängten DGB-Banners. Kalte Getränke und Tee hatten vorausschauende Gewerkschaftsmitglieder bereitgestellt. Jedes große Ereignis habe eine Vorgeschichte und eine Wirkungsgeschichte, machte Deppe deutlich, nichts schlage einfach ein wie ein Blitz. In vielen Bereichen sei 1968 die Hölle los gewesen, auch weltweit von USA über Paris bis nach Prag und Tokio. „Fast in der ganzen Welt kam es zu Aufbrüchen – es war eine wirklich internationale Bewegung“, fasste Deppe die Ereignisse zusammen, die in Deutschland auch mit zwei Taten zusammenhängen: 1967 war der Student Benno Ohnesorg in Berlin bei einer Demonstration erschossen worden, am Karfreitag 1968 wurde auf den Studentenführer Rudi Dutschke geschossen. Deppe spannte einen Bogen von der vorangehenden APO, der „Außerparlamentarischen Opposition“ gegen die damalige Große Koalition aus CDU und SPD über die Friedensbewegung mit den Ostermärschen bis hin zur damals so bezeichneten „Bildungskatastrophe“, das dreigliedrige Schulsystem und die Universitäten betreffend. Eine andere Vorgeschichte sei die Kulturrevolution, die mit dem Rock’n Roll von Elvis Presley und Bill Haley begann und mit den Beatles und Rolling Stones weiterführte. In der Nachwirkung sieht Deppe als Grundproblem, dass viele der damaligen Führungskräfte der 68er mit der realen Lebenswelt der meisten Menschen im Land nichts zu tun hatten und sich später in die traditionellen Führungshierarchien von Universitäten, Parteien und Wirtschaft integrierten. Sven Wingerter, Vorsitzender des DGB-Kreisvorstands, begrüßte und verabschiedete die Zuhörer. Hannelore Nowacki

     

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