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  • Mo., 04. Juli 2022, 16:27 Uhr
    BÜRGERINFORMATIONSVERANSTALTUNG: Einzelhandelskonzept vor wenig Publikum präsentiert

    Weichen für die Zukunft stellen – Strukturwandel zum Nachteil der Innenstadtlagen  

    Umgebaute Nibelungenstraße zwischen Historischem Rathaus und Marktstraße. Foto: Hannelore Nowacki


    BÜRSTADT – Sind die Menschen in Bürstadt mit Einkaufsmöglichkeiten gut versorgt, die sie auch gut erreichen können? Wie ist die zentrale Versorgung im Innenstadtbereich, wie sieht es in den dezentralen Außenbereichen auf der nicht mehr grünen Wiese aus? Diesem Thema galt schon im Jahr 2009 das Einzelhandelskonzept, das nun aktualisiert und fortgeschrieben werden muss. Zuviel hat sich seitdem durch den fortlaufenden Strukturwandel und das Einkaufsverhalten geändert, daher hatte die Stadt Bürstadt bereits vor der Corona-Pandemie den Auftrag in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Markt und Absatzforschung mbH (GM) für ein Strukturgutachten für den Einzelhandel im Mittelzentrum Bürstadt vergeben, auch auf Betreiben des Kreises Bergstraße. Das Regierungspräsidium hatte laut Stadtverwaltung bereits Änderungen in der Fortschreibung des regionalen Flächennutzungsplans angekündigt. Im 90-seitigen Entwurf des Einzelhandelskonzepts findet sich eine detaillierte Bestandsaufnahme mit Analyse des Einzelhandelsspektrums, auch die  Erreichbarkeit zu Fuß und mit dem Fahrrad wurde untersucht. Das Gutachten wird Grundlage für Bebauungspläne und Entscheidungen bei Neuansiedlung und Flächenerweiterungen sein und dient der Abstimmung mit der Kreisverwaltung und dem Regierungspräsidium Darmstadt, hat jedoch keine unmittelbare Bindungswirkung. Am Mittwoch vergangener Woche hatte der Magistrat Bürger, Lokalpolitiker und Geschäftsleute zur Bürgerinformationsveranstaltung in den großen Saal des Bürgerhauses eingeladen, eine Form der Bürgerbeteiligung, die während der Corona-Krise nicht möglich war, wie Bürgermeisterin Barbara Schader erklärte. Allerdings füllten sich die vielen Stuhlreihen nicht, an diesem sommerlichen Abend waren genau sechs Teilnehmer gekommen: Aus dem Handel Burkhard Vetter vom Modehaus Vetter und Fleischermeister Michael Gärtner, Geschäftsführer von Dolls Metzgerei, aus den Reihen der Lokalpolitik Chantal Stockmann von der FDP-Fraktion, Grünen-Stadtverordneter  Uwe Metzner und Magistratsmitglied Bernd Herd (Grüne) sowie Renate Strandt von den Freien Wählern Bürstadt. Der Vortrag des GM-Projektleiters Gerhard Beck blieb nicht ohne Widerspruch. Im Gutachten sind alle aktuell diskutierten Erweiterungs- und Modernisierungsvorhaben von Aldi, Lidl und Netto sowie das Verlagerungsvorhaben von Rossmann enthalten und durchweg positiv bewertet. Das Kaufpotenzial und der Einzelhandelsbestand nach Anzahl der Betriebe, Verkaufsfläche und Umsatz wurden untersucht, wobei Bürstadt mit Nahrungs- und Genussmittelanbietern laut Gutachten bei den  Verkaufsflächen zwischen Lorsch und Heppenheim liegt. Durch den Neubau von Lidl, Modernisierung von Aldi und Netto sowie Verlagerung von Rossmann wird eine Fläche von 670 Quadratmetern hinzukommen, das sind etwa 7 Prozent mehr gegenüber der Bestandsfläche. Beck sprach von einem schleichenden Wandel mit Wechsel der Branchen und Nachfolgeproblematik bei Metzgern, während die Lebensmittelmärkte dominieren. Insgesamt sieht er eine „relativ glückliche Situation“. Vetter nannte diese Darstellung wegen des sehr hohen Non-Food-Anteils von 49 Prozent in den Lebensmittelmärkten „irreführend“. Bei den Corona-Lockdowns hätten diese Geschäfte alles verkauft, was den geschlossenen Fachgeschäften nicht möglich war. Zur Frage von Sortimentslisten, die bei Erweiterungen wie im Bibliser Pfad erlaubte Produktbereiche eingrenzen könnten, meinte Vetter, dass diese mangels Personal wohl kaum kontrolliert würden. Beck erwiderte, dass es Städte gebe, die das Sortiment kontrollieren, um die Vorgaben einzuhalten. Wenn Rossmann beispielsweise die Sortimente Schreib- und Spielwaren erweitern würde, ginge das zu Lasten des kleinen Einzelhandels, gab Strandt zu bedenken. Wolle man, dass der kleine Einzelhandel untergeht, fragte sie. Beck entgegnete, das seien andere Problemlagen, die schwierig zu vergleichen und gegeneinander aufzuwiegen seien.

    Im Zentrum die Markthalle mit Wochenmarkt jeden Freitag. Foto: Hannelore Nowacki


    Von unehrlicher Argumentation sprach Vetter, man müsse wissen was man will. Viel Steuergeld werde für die Innenstadtbelebung in die Hand genommen und auf der anderen Seite mache man alles, was die Discounter wollen. Früher habe es in Bürstadt noch 15 Inhaber geführte Metzgereien und 17 Bäckereien gegeben. Zum Glück habe er keine Bäckerei, meinte Fleischermeister Gärtner. In der Nibelungenstraße sieht er viele Leerstände, auch gebe es zu wenig schöne Geschäfte. Mit Blick auf die kommende Umgestaltung im weiteren Verlauf der Nibelungenstraße regte Gärtner an, die Sorgen der Geschäfte beim Umbau ernst zu nehmen, er habe während der Bauarbeiten die Hälfte des Umsatzes verloren. Ein Konzept mit Lösungen für eine florierende Innenstadt wünschte sich Stockmann, die das vorliegende Gutachten kritisiert. Bürgermeisterin Schader warf ein, dass es ein lebendiges Zentrum gebe und wies auf die Marktplatzumgestaltung hin. Zur Idee von Stadtrat Herd, junge Leute für die Gründung oder Übernahme eines Geschäfts mit einem zinslosen Kredit als Startkapital zu unterstützen, wies Schader auf die Unterstützung durch die Wirtschaftsförderung Bergstraße hin. An der Belebung der Innenstadt solle weitergearbeitet werden. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad einkaufen? Gutachter Beck sagt: Große Teile der Bevölkerung können die Nahversorgungsstandorte in der Innenstadt, um Netto und beim Einkaufszentrum Nord innerhalb von 10 Minuten zu Fuß erreichen. In Gesprächen am Rande der Veranstaltung merkten einige Teilnehmer kritisch an, dass der Gutachter zum Beispiel auch für Lidl arbeite, was einen Interessenskonflikt nahelege. Anregungen, Erfahrungen und Hinweise für die Entscheidungsfindung der Stadtverordnetenversammlung konnten im Nachgang schriftlich eingereicht werden. Hannelore Nowacki

    Kommentar

    Bürgerbeteiligung beim Einzelhandelskonzept, aber wenig Resonanz – wie kann das sein? Wer sich die Mühe gemacht hat, auf der Homepage der Stadt Bürstadt das 90-seitige Einzelhandelskonzept anzuschauen und die zusammenfassenden Hinweise zu lesen, könnte die umfangreichen und komplexen Informationen als Last empfunden haben. Zwei Stunden dauerten Vortrag des Projektleiters der Gesellschaft für Markt und Absatzforschung mbH aus Ludwigsburg samt Diskussion. Sehr viel haben die Bürger, Händler und Stadtverordneten von CDU- und SPD-Fraktion, die nicht gekommen waren, was den Vortrag angeht, inhaltlich nicht verpasst. Allerdings ist die Möglichkeit sich zu äußern, Kritik und Ideen einzubringen nicht hoch genug einzuschätzen. Wenn dieser Entwurf des Einzelhandelskonzepts im Ausschuss und in der Stadtverordnetenversammlung debattiert wird, ist noch Gelegenheit sich als Zuschauer einen Überblick über die zukünftigen Weichenstellungen zu verschaffen. Hannelore Nowacki

     

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