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Do., 17. Dezember 2020, 14:17 Uhr
SOZIALES ENGAGEMENT: Annegret Lösch unterstützt Hans-Joachim Seifert / Dringend Wohnung benötigt / Nicht weg- sondern hinschauen! / Stadtverwaltung und Baugenossenschaft beziehen Stellung
Wird aus einem Obdachlosen doch noch „Hans im Glück”?
Gerade im Winter und bei regnerischem Wetter ist der Weg zum Einkaufen für Hans-Joachim Seifert sehr beschwerlich – mit Unterstützung von Annegret Lösch sucht er seit einem Jahr dringend eine Wohnung. Wer kann helfen? Foto: Benjamin Kloos
LAMPERTHEIM – Weihnachten steht vor der Tür – das Fest der Familie und der Nächstenliebe. Doch nicht für jeden ist Weihnachten ein Grund zur Freude. Viele Menschen sind alleine und haben noch nicht einmal eine Wohnung. So wie Hans-Joachim Seifert. Seit nunmehr beinahe einem Jahr lebt der Lampertheimer in einem von Annegret Lösch gepachteten Garten.
Diese hat sich nun an den TIP gewandt, denn gerade in der kalten und oftmals nassen Jahreszeit ist dies keine Lösung, die dauerhaft anhalten kann. Begonnen hat alles kurz vor Weihnachten vor einem Jahr: Zu diesem Zeitpunkt wurde Hans-Joachim Seifert obdachlos – Annegret Lösch entdeckte ihn, als er mit seinem Rollator einige Sachen zu einem Freund bringen wollte. Dieser wohnte zwar nicht weit weg, aber für den stark Gehbehinderten Hans-Joachim Seifert war es eine kaum zu bewältigende Strecke. Das Herz von Annegret Lösch ließ diesen Anblick nicht zu – und so gabelte sie ihn auf, um ihn die Strecke bis zu seinem Freund zu fahren.
„Wenige Tage später habe ich ihn dann wieder gesehen”, so die Lampertheimerin im Gespräch mit dem TIP. „Es war an Silvester, und er berichtete mir, dass er in dieser Nacht hinter der Kirche in einem Feldbett schlafen wolle, gemeinsam mit seinem Hund. Ich habe mir sofort gedacht: Man kann weder einen Mann mit Schwerbehinderung noch einen Hund in der Silvesternacht draußen lassen. Für beide, gerade auch für den Hund, bedeutet dies angesichts der Böller großen Stress und Angst. Deshalb habe ich ihn bei mir im Garten untergebracht.” Ein Angebot, welches der 61-jährige Obdachlose gerne annahm: Denn im Gartenhaus gab und gibt es zwar weder Wasser noch fließenden Strom, aber wenigstens ist es trocken, vor Wind und Wetter geschützt und dank eines Holzofens auch warm. „Seitdem versorge ich Hans-Joachim Seifert mit Wasser und wasche seine Wäsche. Ich habe mich ihm angenommen, bin mit ihm zur Stadt und zum Kreis gegangen und habe einen Betreuerausweis beantragt.” In diesem Zusammenhang ist es der engagierten und herzlichen Lampertheimerin wichtig zu betonen, dass sich die Betreueraufgaben alleine auf die Hilfe bei Arztterminen und bei Schriftverkehr sowie dem Ausfüllen von Formularen beziehen, da Hans-Joachim Seifert nicht lesen und schreiben kann. „Ansonsten ist er aber völlig selbstständig und kocht auch für sich selbst”, ergänzte Annegret Lösch.
Von den Behörden enttäuscht
Nachdem Annegret Lösch Hans-Joachim Seifert bei sich im Garten aufgenommen habe, hat sie ihn sofort bei der Stadtverwaltung und bei der Baugenossenschaft gemeldet, um eine Wohnung für ihn zu bekommen – eine Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad würde völlig ausreichen. Doch hier zeigt sich die Lampertheimerin von den Behörden und der Stadtverwaltung aufgrund mangelnder Unterstützung enttäuscht. „Ich habe immer wieder bei der Baugenossenschaft vorgesprochen und mitgeteilt, dass wir nach wie vor auf der Suche nach einer Wohnung für Hans-Joachim Seifert sind. Gerade Anfang Dezember war ich wieder dort. Von Seiten der Baugenossenschaften heißt es jedoch immer, ‚wir haben nichts und es gibt noch schlimmere Fälle‘. Ich fühle mich von der Baugenossenschaft ziemlich alleingelassen. Denn statt einer möglichen Wohnung erhalte ich immer nur Empfehlungen, beispielsweise die, Hans-Joachim Seifert in einem Obdachlosenheim unterzubringen. Dies ist aber keine Option, da dort keine Hunde erlaubt sind.” Auch auf dem übrigen Immobilienmarkt hat Annegret Lösch bisher kein Glück gehabt: 16 Absagen hat sie mittlerweile für ihn bekommen, entweder weil kein Hund erlaubt war oder sie wurde hingehalten – einige Male hat sie sogar überhaupt keine Antwort erhalten.
Dabei sollte Hans-Joachim Seifert ein gern gesehener Mieter sein: Er versorgt sich selbst, lediglich wenn es darum geht, Formulare auszufüllen oder Schriftwechsel zu führen, wird er durch Annegret Lösch als Betreuerin unterstützt. Auf den Vermieter wartet zudem ein sicheres Einkommen da der Kreis die Miete bezahlt. Und auch der Hund, mittlerweile seit neun Jahren an der Seite von Hans-Joachim Seifert, ist ein friedfertiger und lieber Zeitgenosse – und dazu auch stubenrein, wie Annegret Lösch betont. Mobiliar für den hoffentlich bald ehemaligen Obdachlosen ist übrigens mittlerweile ebenfalls vorhanden: Denn die derzeitige Situation lässt Annegret Lösch einfach keine Ruhe und so hat sie bereits mehrere Möbel von Freunden oder auch vom Sperrmüll erhalten und gesammelt.
Baugenossenschaft bezieht Stellung
Martina Sotornik von der Baugenossenschaft Lampertheim bedauert die Situation von Hans-Joachim Seifert, betont aber, dass „wir ihm bisher keine Wohnung anbieten konnten, da es derzeit überhaupt keinen Leerstand im Bereich der Ein-Zimmer-Wohnungen gibt. Herrn Seifert steht eine Wohnung mit nur bis zu 50 Quadratmeter zu – in diesem Jahr ist jedoch nur eine Ein-Zimmer-Wohnung frei geworden. Grundsätzlich ist es so, dass Wohnungen, die frei werden, sofort wieder vermietet sind, denn wir haben eine lange Liste an Wohnungsbewerbern, die teilweise auch schon wesentlich länger auf dieser stehen – für alle Wohnungsgrößen.” Gerade Ein- bis Zweizimmerwohnungen in kleiner Größe seien sehr gefragt, so Martina Sotornik, die erläutert, nach welchem Prinzip die Wohnungen vergeben werden: „Wichtige Aspekte sind hierbei, wann die Bewerbung erfolgt ist und ob die Wohnung überhaupt passt. Dabei spielt auch das Alter der Person, die sich für eine Wohnung bewirbt, eine Rolle. Denn wenn eine Wohnung im 3. Stock liegt kommt diese nicht unbedingt für jemanden, der älter und/oder gehbehindert ist in Frage. Wir belegen die Wohnungen gemeinsam mit der Stadt Lampertheim. Diese hat ein Belegungsrecht und schickt uns eine Liste mit Bewerbern, die wir mit unserer Liste abgleichen. Dabei schauen wir, ob die Wohnung passt und wie dringlich es ist.”
In den aktuellen Bauvorhaben der Baugenossenschaft sind keine kleinen Wohnung eingeplant, da beispielsweise das Projekt in Neuschloß explizit für Familien angelegt ist und die Wohnungen daher Mehr-Zimmer-Wohnungen sind. „In zukünftigen Projekten sind aber wieder kleinere Wohnungen vorgesehen”, so Martina Sotornik, die nochmals betonte, dass „wir leider derzeit keine freie Wohnung in der entsprechenden Größe für Herrn Seifert haben. Aber: In Deutschland muss niemand auf der Straße leben, es gibt für Obdachlose entsprechende Angebote.”
Stadtverwaltung erläutert Vorgehensweise bei Wohnungsvergabe
Auch die Stadtverwaltung Lampertheim hat sich gegenüber dem TIP zur Wohnungssuche von Hans-Joachim Seifert geäußert. Demnach hat dieser Anfang 2019 beim Ordnungsamt vorgesprochen. „Nachdem er darauf hingewiesen wurde, dass eine Einzelunterbringung aufgrund der Kapazitäten und eine Unterbringung mit Hund durch die Hausordnung nicht möglich ist, hat er auf eine Einweisung in die Notunterkunft verzichtet. Seitdem hat Herr Seifert nicht mehr bei uns vorgesprochen“, so Pressesprecher Christian Pfeiffer. Eine Obdachlosenunterkunft ist eine Notunterkunft einfachster Art für einen begrenzten Zeitraum. Daher können keine Ansprüche an Raumgrößen oder Wohnungsausstattung gestellt werden. Die Unterkünfte haben alles, was die notwendigsten Lebensbedürfnisse deckt. Die Haltung von Tieren ist aufgrund von hygienischen Unzulänglichkeiten und durch die Unterbringung mit anderen Bewohnern laut Hausordnung nicht gestattet.„Bei der Notunterkunft gibt es hier keine Möglichkeit. Bei städtisch angemieteten Wohnungen ist die Hundehaltung per Hausordnung zwar auch verboten, wenn aber alle anderen Mieter damit einverstanden sind, kann hier eine Ausnahmeregelung getroffen werden.”
Auch die Stadt Lampertheim verfügt über Ein-Zimmer-Wohnungen – fünf an der Zahl. „Diese sind aber derzeit alle belegt und die Bewerberliste entsprechend lang. Grundvoraussetzung für eine städtisch angemietete Wohnung ist, dass sich Interessenten beim Immobilienmanagement dafür bewerben. Auf einzelne Wohnungen kommen meist mehrere Bewerber, aus denen das Immobilienmanagement dann circa drei Bewerber auswählt, die es für die jeweilige Wohnung als geeignet einschätzt. Dann wird zur Wohnungsbesichtigung eingeladen. Besteht weiterhin Interesse, so wird aus den verbleibenden Bewerbern einer aus gewählt. Hierbei werden auch soziale Gesichtspunkte bei der Entscheidung berücksichtigt”, erläuterte Christian Pfeiffer. Derzeit hat die Stadtverwaltung 180 alleinstehende Personen, die Wohnungssuchend gemeldet sind. „Wohnungsangebote für einen 1-Personanhaushalt liegen uns aufgrund fehlender Angebote leider nicht vor. Mit Schreiben vom 24.11.2020 erhielten wir eine Mitteilung der Baugenossenschaft eG über ein freiwerdende 1-Zimmerwohnung (Bezug 01.04.21). Wir haben daraufhin unser Vorschlagsrecht wahrgenommen und 13 Personen gemeldet. Darunter ist bzw. war auch Herr Seifert. Über die letztendliche Entscheidung der Baugenossenschaft erfahren wir dann, wenn ein Wohnberechtigungsschein beantragt wird, sodass wir letztendlich nicht in die Wohnungsvergabe eingebunden sind.”
Lösung gesucht
„Natürlich kann Hans-Joachim Seifert weiter bei mir im Garten wohnen, in dem er über das Jahr auch selbst Gemüse angebaut hat. Aber es handelt sich hierbei eben nur um einen Nutzgarten, er braucht endlich eine Wohnung”, hofft Annegret Lösch auf eine baldige Lösung und Angebote für eine Wohnung in Lampertheim. „Vielleicht können die Lampertheimer ihre Türen öffnen und sich einen Ruck geben und ihm eine Wohnung anbieten”, so Annegret Lösch, die entsprechende Angebote gerne telefonisch unter 06206/59154 entgegennimmt – damit aus Hans-Joachim Seifert am Ende doch noch der Lampertheimer „Hans im Glück” wird. Benjamin Kloos