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  • Mi., 09. November 2016, 19:47 Uhr
    Naturschutzrechtlicher Ausgleich durch Nutzungsverzicht im Wald: Zukunft der Ökokontofläche im Lampertheimer Bruch in Gefahr

    Wird einzigartiger Waldbestand mit Artenvielfalt durch ICE-Trasse zerstört?

    LAMPERTHEIM – Gefährdet die geplante ICE-Neubaustrecke auch die Zukunft der Ökokontofläche im Lampertheimer Bruch? Diese Frage beschäftigt derzeit die Stadtverwaltung. Denn die Ausweisung neuer Wohn- und Gewerbegebiete am Rande des Stadtgebietes stellt nicht nur – naturschutzrechtlich - einen Eingriff in Natur und Landschaft dar, sondern beansprucht zumeist auch in erheblichem Umfang landwirtschaftliche Nutzflächen – sowohl für das jeweils geplante Baugebiet als auch für die erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen wie Hecken, Feldgehölze oder Streuobstwiesen.

    Daher werden nunmehr für die notwendigen Ausgleichsmaßnahmen auch Flächen im Lampertheimer Stadtwald herangezogen, auf denen zur Förderung des Arten- und Biotopschutzes eine forstliche Nutzung künftig unterbleiben wird.
    Für die Nutzungseinstellung geeignete Waldbestände müssen einen besonderen Wert für die Natur und ein hohes ökologisches Entwicklungspotential aufweisen. Dazu gehört beispielsweise das Vorkommen einer annähernd natürlichen Waldgesellschaft mit altem Baumbestand sowie stehendem und liegendem Totholz als Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Tieren. Schwarz- oder Buntspecht zimmern hier ihre Bruthöhlen, die nachfolgend von höhlenbrütenden Vogelarten wie der Hohltaube, von Fledermäusen oder staatenbildenden Insekten wie Bienen und Hornissen genutzt werden. Totholzbewohnende Käfer und andere Insekten fördern die Zersetzung der abgestorbenen Bäume.

    Der Verzicht auf eine forstliche Nutzung des Waldes bedeutet, dass künftig kein Holz mehr entnommen wird und sich die Flächen weitgehend ungestört entwickeln dürfen. Umgestürzte Bäume bleiben an Ort und Stelle liegen. Lediglich, wenn Bäume auf Wege zu fallen drohen und Spaziergänger gefährden könnten, wird eingegriffen, um diese Gefahr zu beseitigen.

    Die grundsätzliche Eignung der Waldflächen wird jeweils in Abstimmung zwischen der Stadt Lampertheim, Hessen Forst und der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Bergstraße festgestellt. Die durch den geplanten Nutzungsverzicht entstehende Aufwertung der Waldflächen wird fachlich beurteilt und der potentielle Wertzuwachs berechnet. Die so ermittelten Biotopwertpunkte können dann dem Ökokonto der Stadt gutgeschrieben und für künftige Bauvorhaben in Anspruch genommen werden.

    Die erste Waldfläche, die auf diese Weise vom Kreis Bergstraße als sogenannte vorlaufende Kompensationsmaßnahme anerkannt wurde, befindet sich im Lampertheimer Bruch. Auf einer verlandeten Altrheinschlinge entstand hier – bei dauerhaft hoch anstehendem Grundwasser – aus abgestorbenem Bewuchs ein Niedermoor, das ackerbaulich kaum nutzbar war. Die Flächen wurden daher über ein Grabensystem entwässert, teilweise abgetorft und mit schnellwachsenden Hybridpappeln aufgeforstet. Die heute mehr als 50 Jahre alten Pappelbestände sind auf der rund 11 Hektar großen Fläche von besonders großem ökologischem Wert. Die mächtigen totholzreichen Pappeln bieten mit Höhlen und Spalten eine Vielzahl von Brut- und Unterschlupfmöglichkeiten für zum Teil seltene und geschützte Vogel, Fledermaus- und Insektenarten.

    Inzwischen ist die Entwicklung zur natürlichen Waldgesellschaft eines Erlenbruchwaldes schon weit fortgeschritten, sind die Flächen bereits weitgehend mit standorttypischen Schwarzerlen sowie bereichsweise mit Eschen und Weiden bewachsen.
    Durch Abgrabung von Torf in früherer Zeit entstanden auch kleinere Stillgewässer, die für Amphibien bedeutsam sind. Die teilweise schon urwaldartigen anmutenden Waldflächen sind an einigen Stellen aufgrund des hoch anstehenden Grundwassers nicht mehr begehbar. Eine forstwirtschaftliche Nutzung findet hier bereits seit einigen Jahren nicht mehr statt.

    Dieser - in der Region einzigartige - Waldbestand mit seinem bedeutsamen Arteninventar würde zerschnitten und damit weitgehend zerstört werden, sollte die Bahn beim geplanten Bau der ICE–Neubaustrecke die C-Trasse, auch „Mannheim-direkt“- oder „Mark“-Variante genannt, weiter favorisieren und umsetzen wollen. Dagegen sieht die sogenannte Konsenstrasse, die die Verbandsversammlung des Verbandes Region Rhein/Neckar, der Kreistag des Kreises Bergstraße und die Kommunen Lorsch, Einhausen, Viernheim und Lampertheim gemeinsam befürworten, eine Bündelung der ICE-Neubaustrecke mit den Autobahnen A67 und A6 vor. Durch diese Trassenführung würden die Zerschneidungseffekte, die unumkehrbare Beeinträchtigungen des Waldes und seiner Tierwelt verursachen, deutlich reduziert. zg

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