So., 09. November 2014, 20:12 Uhr
Informationsforum AKW (Atomkraftwerk) Biblis tagte im Bürgerzentrum Biblis / Erläuterungen zur „Freigabe“ des kontaminierten Materials
Zahlreiche Fragestellungen zum Rückbau des Atomkraftwerks
BIBLIS - Das Informationsforum AKW Biblis hat sich zum Ziel gesetzt, die interessierten Bürger in der Region über Fragen des Rückbaus der kerntechnischen Anlagen am Standort Biblis umfassend und transparent zu informieren - und berichtet daher bei den dreimal jährlich stattfindenden Sitzungen über die aktuellen Pläne.
Zu den Mitgliedern des Forums gehören der Bürgermeister der Gemeinde Biblis, der Landrat des Kreises Bergstraße bzw. der Umweltdezernent des Kreises als gleichberechtigte Vorsitzende, Vertreter der Kommunen, Parlamentarier, Vertreter der anerkannten Umweltverbände und Bürgerinitiativen vor Ort sowie Gewerkschaften, des Regionalbauernverbandes Starkenburg und Wirtschaftverbände. Die Arbeit des Forums basiert auf der Grundlage der Geschäftsordnung.
Nach der Eröffnung der Sitzung am vergangenen Dienstag durch Bürgermeister Felix Kusicka wurde einstimmig der Änderung zur Geschäftsordnung zugestimmt, dass die Zuhörer während der jeweiligen Sitzungen ein Rederecht von drei Minuten erhalten sollen. So wurden während der Veranstaltung auch gleich zahlreiche Fragen an die Mitglieder des Forums herangetragen.
Es folgte ein ausführlicher Vortrag von Gerhard Schmidt, Ingenieur vom Öko-Institut e.V., Darmstadt, über das Thema „Freimessung“ des Baumaterials, bei dem er das Freigabe-Konzept für kontaminiertes Material eingehend erläuterte. Es bestehe laut Schmidt nur ein sehr geringes, vernachlässigbares Risiko für die Bevölkerung im Verhältnis von etwa 1 zu 10 Millionen pro Jahr. Nach Angaben der Deutschen Strahlenschutzverordnung sollte der Mittelwert der Strahlenbelastung unter 10 Mikrosievert (Maßeinheit für Strahlenbelastung) im Jahr liegen.
Um alle Eventualitäten abzudecken, werden verschiedene Szenarien zur Herleitung der Freigabewerte für kontaminiertes Material herangezogen. So gibt es beispielsweise feststehende Werte für Deponiearbeiter oder Klärschlammnutzer, die als Maßstab für die Freigabe dienen, da Menschen bei diesen Tätigkeiten der höchsten Strahlenbelastung ausgesetzt sind. Das Risiko für einen schweren gesundheitlichen Schaden muss unter 1 zu 1 Million betragen.
Auf das Statement Schmidts hinsichtlich eines „geringen, berechenbaren Risikos“ kam eine Diskussion im Saal zustande, in dem zahlreiche Einwände der anwesenden Bürger hierzu vorgebracht wurden. Es gab mehrere Zwischenfragen aus dem Publikum, denen die Erläuterungen Schmidts zu tiefgreifend und fachspezifisch waren, und ihn aufforderten, „auf den Punkt zu kommen“ und zu benennen, wie hoch die Belastung für die Einwohner in der naheliegenden Umgebung seien – die Skepsis der Bevölkerung kam deutlich zum Ausdruck.
„Wohin kommt der freigemessene Bauschutt, damit sich die Bürger rechtzeitig davor mit der Problematik auseinander setzen können“ - so lautete eine der Fragen der Zuhörer. Schmitt erläuterte, dass das Risiko berechnet werden könne und er die Skepsis der Bürger durchaus verstehe. Er teilte mit, dass das hoch kontaminierte Material im Endlager landet und dass die Belastung oberflächlich kontaminierter Bereiche durch die Freimessungsanlage bestimmt werden kann. Bürgermeister Kusicka möchte laut eigener Mitteilung dieses Thema zukünftig thematisieren und konkret angehen.
Auf die Frage des NABU-Landesvositzenden Gerhard Eppler, wie viel Material anfällt, das freigegeben werden kann, und wie viel davon ins Endlager kommt, gab es leider keine konkreten Angaben, da diese Frage laut Gremium „schwer zu beantworten sei“. Grundsätzlich könne man – laut Ausführungen Schmidts - davon ausgehen, dass etwa 10 Prozent radioaktiv belastetes Material und etwa 90 Prozent freigegebener Abfall sei. Schmidt tat ebenso kund, dass er noch keine Anlage gefunden habe, die stark davon abweiche.
Guntram Finke, Abteilungsleiter für kerntechnische Anlagen beim Hessischen Umweltministerium, gab anschließend Informationen über die Finanzierung des Rückbaus. Kraftwerksleiter Horst Kemmeter berichtete über die bestehende Solidarvereinbarung, die eine Deckungsvorsorge für Schäden aus dem Rückbau bis zum Jahr 2022 regelt – der Zeitpunkt des Ausstiegs aus der Kernenergie. Die hessische Landesregierung habe eine Bundesratsinitiative gestartet, um die Sicherstellung der Finanzierung des Rückbaus zu gewährleisten, und dadurch nicht durch Steuergelder den Bürgern zur Last zu fallen. Dennoch wurden auf seine Ausführungen hin von den Bürgern konkrete Antworten vom Hessischen Umweltminsterium zu speziellen Fragestellungen hierzu gefordert.
Das Thema „Erdbebensicherheit und Flugzeugabsturz“ wurde aus zeitlichen Gründen auf die nächste Sitzung vertagt, zumal das Gremium gegen Ende der zweieinhalbstündigen Veranstaltung nicht mehr beschlussfähig war. Der Termin für die nächste Tagung des Infoforums im kommenden Jahr steht derzeit noch nicht fest. Hierfür ist vorgesehen, auf Anfrage der Zuhörer auch Tische bereitzustellen, da es aus platztechnischen Gründen durchaus möglich ist und für die Bürger von großem Interesse sei. Sigrid Samson